Filmschrott

Schlechte Filme von Mainstream bis Trash. Die Lücke ist kleiner als man denkt.

Schlagwort-Archiv: Short Story Collab

Short Story Collab #14 & Gemeinschaftsblogprojekt #2

Diesen Monat hatte ich wenig Zeit, mich groß mit dem Schreiben zu beschäftigen. Da ich aber trotzdem immer gerne neue Kurzgeschichten aus meinen wirren Gedanken sauge, ich aber auch gleichzeitig an zwei Projekten teilnehmen wollte, habe ich das ganze einfach zusammengefasst. Zum einen natürlich der Short Story Collab von David, dessen Thema dieses Mal „Rakete“ lautet. Zum anderen das noch recht frische Gemeinschaftsblogprojekt von Herba und DiePoe. Das Thema dort „Superhelden“.
Superhelden und Raketen. Die Verbindung war offensichtlich … würde ich sagen, wenn ich ein Lügner wäre. Wie immer hatte ich nämlich überhaupt keinen Plan, wo das ganze hinführt und vor allem nicht, wo da ne Rakete rein passt. Hat aber trotzdem irgendwie geklappt.

Die Tür zum geheimen Konferenzsaal, im Geheimversteck der geheimen Vereinigung der gescheiterten Superhelden schob sich quietschend in den Raum und ein lautes Schnaufen betrat den Saal. Aufwirbelnder Staub und ein leiser Knall zeugten davon, dass etwas zu Boden gefallen war.
„Ich schätze, es ist der Unsichtbare.“ Karl Kolossal verschränkte seine muskulösen Arme vor der Brust, wobei sein Hemd zerriss. „Verdammt.“ Er zog das Hemd aus und präsentierte Muskelberge, an Stellen, wo andere nicht mal Muskeln hatten. Nach einem Unfall, der ein Fitnessstudio und einen verirrten Hypertrophiestrahl aus der Waffe des mittlerweile in Rente gegangen Dr. Muckis beinhaltete, bestand sein ganzer Körper nur noch aus von Haut verdeckten Muskeln. Das konnte Vorteile haben, wenn man mal wieder beim Umzug eines Freundes alleine die Waschmaschine in den sechsten Stock tragen musste und der Aufzug defekt war. Ein Nachteil war allerdings der Verschleiß von Klamotten. Kolossal regte das ganz besonders auf, denn er hasste es, shoppen zu gehen.
„Sorry, Leute“, stöhnte eine Stimme auf Höhe des staubigen Fußbodens, „ich wollte wirklich pünktlich hier sein, aber die Leute haben mich ständig angerempelt und dann wurde ich von drei Autos überfahren. Ich glaube, ich habe mir ein paar Rippen gebrochen.“
„Du solltest dir wirklich etwas anziehen, damit die Leute dich sehen können.“ Bibi Beaver hatte immer einen guten Ratschlag parat, wenn es um Kleidung ging. Schließlich war sie mal Modeberaterin gewesen, bis sie von einem Biber gebissen wurde, der kurz danach zu einem Mantel verarbeitet wurde. Der Biss hatte ungeahnte Folgen, von denen eine das Wachstum der Schneidezähne war, mit dem Bibi seit dem mit Leichtigkeit jeden Holzgegenstand durchbeißen konnte. Die ständigen Zahnschmerzen, verursacht durch Holzkauen, waren allerdings nicht angenehm. Immerhin wuchs der Pelz vermehrt an einer Stelle, die sie fremden Leuten nur sehr selten zeigte.
„Ich schätze, die Leute würden komisch auf eine durch die Stadt schwebende Hose reagieren.“ Ein Ächzen stöhnte sich auf die Beine und ein Schlurfen bewegte sich Richtung Tisch. Ein Seufzen ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Also, warum musste ich mich hier her quälen?“

Superfähigkeiten waren verbreitet in der Familie des Timers. Das bereitete schon im Kindesalter Schwierigkeiten zwischen den Geschwistern, da Neid ebenfalls weit verbreitet war. Der Timer hatte aber auch guten Grund, neidisch auf seine Geschwister zu sein. Während sein älterer Bruder unsichtbar war und seine jüngere Schwester durch die Zeit reisen konnte, bekam er eine Mischung aus diesen Fähigkeiten ab, in Form einer unsichtbaren inneren Uhr, durch die er immer wusste, wie spät es ist. Keine spektakuläre Fähigkeit, aber zumindest war er immer pünktlich und verpasste nie eine Show im Fernsehen. Der Timer checkte seine innere Uhr und stellte fest, dass er mal wieder absolut pünktlich zum Treffen der Superschurken erschien. Heutiger Treffpunkt war das Raketensilo. Er stieg über die ermordeten Wachsoldaten hinweg. Jemand war wohl schon vor ihm zum Treffen erschienen. Egal. Er lag genau richtig in der Zeit.

„… und dann schrie der Zyklop: ‚Hilfe! Niemand greift mich an!‘ Kicher. Kicher.“
„Man, Gagster, das ist doch der älteste Witz der Welt.“ Handlanger Nummer 1 hatte einen eher neumodischen Humor.
„Deshalb ist er ja auch so lustig. Kicher. Humor ist zeitlos. Kicher.“
„Warum sagst du eigentlich dauernd ‚Kicher‘?“
„Ich habe vor langer Zeit mein Lachen verloren. Es ist eine lustige Geschichte. Kicher. Ich war ein Stand-Up-Comedian. Es war eine tolle Zeit. Kicher. Aber die Leute lachten nicht über meine Witze. Der Einzige, der über meine Witze lachte, war ich selbst. Kicher. Ich stellte fest, dass die Menschen keinen Humor mehr hatten. Und das macht mich traurig. Schluchz. Kaum jemand lacht noch wirklich herzhaft. Alle denken nur über ihre Probleme und Sorgen nach. Über das Leid der Welt. Schluchz. Aber wir sind hier, um das zu ändern. Kicher. Wir müssen nur noch auf den Timer warten.“ Der Gagster holte eine bunte Taschenuhr aus seinem karierten Jackett hervor. „Er wird gleich hier sein. Kicher. In 5 … 4 … 3 … 2 … 1 …“
Die Tür schwang auf.
„Pünktlich wie immer. Kicher.“ Der Gagster steckte die Tascheuhr weg und sprang auf einen Schreibtisch. „Also gut. Jetzt, wo wir alle hier sind: Dies ist der Plan! Kicher. Mit dieser Rakete“, der Gagster deutetet feierlich auf eine startbereite Rakete, „werden wir die Welt wieder lustig machen! Kicher.“
„Wie?“ Handlanger Nummer 2 war neugierig, wenn es um geisteskranke Schurkenpläne ging.
„Ich bin froh, dass du fragst. Kicher.“ Der Gagster sprang vom Tisch und ging zu einem Vorhang. „Kicher.“ Er riss den Vorhang herunter … „TA TA!“ … und präsentierte unzählige Gasflaschen.
„Was ist das?“ Handlanger Nummer 2 stellte ständig die wirklich intelligenten Fragen.
„Das sind Gasflaschen.“ Der Gagster gab immer die offensichtlichen Antworten. „Kicher. Gasflaschen gefüllt mit Lachgas. Wir werden diese Gasflaschen …“, er tätschelte eine der Flaschen, „… mit dieser Rakete …“, er streichelte die Rakete, „… in die Atmosphäre schießen, wo sich das Gas ausbreiten wird und alle zum Lachen bringen wird. Kicher.“
„Der Plan ist doch völlig verrückt.“ Handlanger Nummer 2 erkannte einige Schwachstellen.
„Danke. Ich finde ihn auch toll.“ Der Gagster wandte sich dem Timer zu, der bisher reglos, still und völlig desinteressiert in der Mitte des Raums stand. „Du fragst dich sicher, warum ich dich hergerufen habe, Timer.“ Der Timer verzog keine Miene. „Ich mache dir ein Angebot, das du nicht ablehnen kannst. Kicher. Mit Hilfe deiner Uhr werden wir die Rakete so timen, dass sie zum richtigen Zeitpunkt das Gas versprüht. Bald ist Trauertag. Alle Leute werden unglücklich sein und dem Gründer der Stadt gedenken, der vor wasweißichwievielen Jahren irgendwieirgendwo gestorben ist. Stellt es euch vor: Alle stehen weinend in der Gegend rum und dann KABÄM! kommt der plötzliche Lachflash. Kicher. Das wird fantastisch. Kicher.“ Der Gagster legte den Arm um den Timer. „Jetzt fragst du dich sicher, was für dich dabei herausspringt.“ Der Gagster ging zu einem Koffer, öffnete ihn und holte etwas heraus. „Eine Gasmaske!“ Er wedelte mit der Gasmaske vor dem unbeeindruckten Gesicht des Timers herum. „Mit dieser Gasmaske wird ein großer Traum von dir wahr werden. Kicher. Wenn das Gas die Welt zum Lachen gebracht hat, wirst du, mit dieser Gasmaske vor dem Gesicht, deine Geschwister aufsuchen und zusehen, wie sie sich totlachen. Kicher. Zugegeben, bei deinem Bruder wirst du es nur hören, aber immer noch besser als gar nix. Kicher.“ Der Gagster hielt dem Timer die Gasmaske hin. Der griff sich die Maske und setzte sich still auf einen Stuhl.
„Hervorragend“, rief der Gagster und rieb sich die Hände. „An die Arbeit. Kicher.“

Mentagron schloss seinen Monolog, in dem er von der Rückkehr des Gagsters und dessen Lachgasraketenplan erzählt hatte, um die gescheiterten Helden auf den aktuellen Stand zu bringen..
„Woher weißt du das alles?“, wollte Timetravel Girl wissen, die eigentlich zu spät gekommen war, aber durch die Zeit zurückreiste, um den kompletten Vortrag anzuhören.
„Das Chamäleon hat sich als Handlanger Nummer 2 getarnt, um den Gagster auszuspionieren. Wie mit jedem Lebewesen stehe ich mit ihm in mentalem Kontakt und kann seine Gedanken lesen.“
„Du kannst die Gedanken aller Lebewesen lesen? Muss spannend sein.“
„Es ist ein heilloses Durcheinander. Alle Gedanken kommen gleichzeitig. Die meiste Zeit sehe ich nackte Frauen, weil daran andauernd gedacht wird … hey, ich glaube, das bist du. Die Stelle zu piercen muss schmerzhaft gewesen sein …“
Timetravel Girl verschränkte die Arme vor der Brust und bemerkte, wie Karl Kolossal sie verträumt anstarrte. Sie rutschte weiter unter den Tisch.
„Ich habe mit dem Chamäleon eine Art Code ausgemacht, damit ich seine Gedanken herausfiltern kann. Immer, wenn er mir einen Gedanken mitteilen will, denkt er zuerst an angezogene Frauen. Daran denkt nie jemand.“
„Okay, toll“, der Unsichtbare machte auf sich aufmerksam, „wie halten wir ihn auf?“
„Wir machen es wie immer: Wir stürmen rein, verprügeln alle Anwesenden, in meinem Kopf ploppen ständig die BANG!- BOOM!- POW!-Sprechblasen auf, die ihr euch dabei vorstellt und hinterher wird uns niemand danken, niemand bezahlen, aber wir werden mit dem Gefühl nach Hause gehen, etwas Gutes getan zu haben und warten auf den nächsten Superschurken, der die Welt vernichten will.“

„Kicher.“ Der Gagster betrachtete die mit Gasflaschen behangene Rakete. „Kicher.“ er widmete sich dem Timer, der weiterhin völlig desinteressiert am Tisch saß und die Gasmaske vor sich anstarrte. „Timer! Hast du die Berechnungen fertig?“
Der Timer schob einen Zettel über den Tisch. Der Gagster schnappte sich den Wisch und gab einen Zahlencode in das Eingabefeld an der Raketenabschussrampe ein. „Kicher. Gleich wird die Rakete starten …“
Die auffliegende Tür unterbrach ihn im Satz.
„Nicht so schnell Gagster!“ Mentagron betrat den Raum und hatte die gescheiterten Helden dabei.
„Kicher. Ihr seid zu spät. Die Rakete wird fliegen. Kicher. Kicher. Aber wo ihr schon mal hier seid … VERPRÜGELT SIE!“ „Kicher.“
Alle Türen öffneten sich und eine Horde Handlanger stürmte auf die gescheiterten Helden zu.

Nach einigen Minuten KAWÄM! PADAUNZ! und FRIRP! standen die gescheiterten Helden neben bewusstlosen Handlangern und dem, nach einem versehentlichen Schlag von Karl Kolossal aus der Nase blutendem, Chamäleon.
„Das Spiel ist aus Gagster!“
„Kicher. Nicht ganz.“ Der Gagster steckte sich die Finger in die Ohren. „Kicher.“
Die Rakete schoss los. Gasflaschen fielen beim Abflug von ihr ab und verströmten ihren Inhalt in den Raum. Der Gagster nutzte die Verwirrung, um, ein Taschentuch vor sein Gesicht haltend, durch die Hintertür zu fliehen. Die gescheiterten Helden flüchteten durch den Haupteingang, kurz bevor sich das ausgeströmte Gas entzündete und das Raketensilo in Flammen aufging.
Die gescheiterten Helden waren gescheitert. Sie blickten zum Himmel, wo die Rakete Richtung Atmosphäre flog.
„Und was jetzt?“, fragte eine Stimme, deren Quelle nicht sichtbar war.
„Jetzt kann uns nur noch Gott helfen.“
„Du meinst, wir sollen auf die Knie fallen und beten?“
„Nein, wir müssen zu Martin Gott, auch Meteor-Martin genannt. Er wohnt hier um die Ecke. Er muss da hoch fliegen und die Rakete aufhalten.“

FORTSETZUNG FOLGT …

Weiter bin ich aus Zeitmangel leider nicht gekommen, aber ich wollte den Abgabetermin nicht überschreiten. Deshalb erzähle ich einfach weiter, wenn mal ein passendes Thema kommt (und ich weiß, wie es eigentlich weiter geht, denn ich habe selber keine Ahnung).

Werbeanzeigen

Short Story Collab #13 – Rollkragenpullover

Ja, das Thema dieses Mal beim von David erfundenen Short Story Collab lautet: Rollkragenpullover.
Ich kann es auch nicht erklären. Ich habe selber dafür gestimmt. Ich konnte einfach nicht anders. Wenn schon so ein bescheuertes Thema zur Wahl steht, bin ich natürlich dabei.
Wie immer habe ich mich einfach hingesetzt und drauf los geschrieben, ohne zu wissen, was dabei rumkommt.
Hier das Ergebnis:

Oma strickte. Das war nichts Ungewöhnliches. Oma strickte ständig, während sie in ihrem Schaukelstuhl, mit einer selbst gestrickten Decke über den Beinen, vor und zurück schaukelte. Ihre begrenzte Zeit verbrachte sie in der Regel mit stricken. Es sei denn, sie kaufte gerade Wolle zum Stricken. Oma legte die Nadeln weg und hielt das Ergebnis ihres Textilhobbys hoch, um es mit prüfendem Auge zu beobachten.
Bri lag auf der Couch. Sie legte ihr Buch zur Seite und betrachtete den Rollkragenpullover in Omas Händen. Bri hieß eigentlich Britta, aber sie kürzte den Namen bei jeder Gelegenheit ab. Sie war immer darauf bedacht sich auf möglichst wenige und kurze Wörter zu beschränken, wenn sie sprach. So verhinderte sie, ihre helle, leise Stimme zu oft benutzen zu müssen. Ihr Vater scherzte oft, dass sie klang, als hätte sie Kreide gegessen. Bri fand das nicht lustig. Um genau zu sein, verunsicherte es sie noch mehr, wenn jemand über ihre Stimme sprach.
„Was meinst du, Britta?“ Oma hielt den Pullover in ihre Richtung.
„Schön“, piepste Bri.
„Sprich lauter, Britta. Du weißt doch, dass ich nicht mehr so gut höre.“
„Schön“, wiederholte Bri, unerheblich unpiepsiger, als zuvor.
„Er is für deinen Bruder. Zum Geburtstag. Meinst du, er wird ihm gefallen?“
„Ja.“
„Bitte?“
„Ja.“
Bri widmete sich wieder ihrem Buch, bevor die Gefahr bestand, dass sie noch mehr Fragen beantworten musste, die ihre Stimme erforderten. Oma legte den Pullover auf ihren Schoß und begann ein weiteres Strickprojekt mit den Resten der Wolle, die der Rollkragenpullover übrig gelassen hatte.

Sascha blies die Kerzen auf dem Kuchen aus. Die Familie applaudierte. Im Gegensatz zu Bri gelang es ihm jährlich, alle Kerzen auszublasen. Bri schob es auf sein größeres Lungenvolumen, das schon durch seine laute Stimme zum Vorschein trat, wenn er mal wieder rumbrüllte, weil ihm etwas nicht passte. Nachdem er sein „Zkreem Kween“-Shirt mit Backware vollgesaut hatte, begann er seine Geschenke auszupacken. Mit jedem ausgepackten Paket merkte Bri, wie ein Wutanfall in ihm aufstieg. Sie machte sich bereit, ihre Ohren zuzuhalten. Sascha packte das letzte Paket aus und starrte den mit Liebe und Langeweile gestrickten Rollkragenpullover an.
„Ich hoffe, er passt dir“, sagte Oma. „Ich dachte, er könnte gegen deine ständigen Halsschmerzen helfen.“
„Das ist eine tolle Idee“, freute sich Mutter, ihres Zeichens Tochter von Oma und Frau von Sascha und Bris Vater.
„Ich glaube, deine Halsschmerzen würden verschwinden, wenn du nicht so oft schreien würdest.“ Vater sah wie üblich alles realistisch.
„Ja, Junge, du schreist viel zu viel. Wenn du fernsiehst, wenn du deine Spiele spielst, wenn du deine Heftchen liest … eigentlich schreist du dauernd, wenn ich genau darüber nachdenke.“
„Gar nicht wahr!“, schrie Sascha, als einziger im Raum der Meinung, dass ihm Unrecht getan wurde.
„Reg dich nicht auf, Junge …“
„Dieser ganze Krempel ist nutzlos! Alles was ich wollte, ist das neue ‚Zkreem Kween‘-Comic!“
„Sohn, du bist jetzt 35. Meinst du nicht, dass du genug von diesen Heftchen hast? Außerdem: Warum musst du ausgerechnet ein Comic lesen, bei dem die Macher nicht mal den Titel richtig schreiben können? Es heißt Scream Queen, mit E und A und … ach was weiß ich.“
„Das ist Absicht! Die Protagonistin ist Analphabetin! Ihr kapiert gar nichts“
Sascha schnappte sich seine Geschenke und lief die Treppe hoch, um seine Zimmertür hinter sich zuzuknallen.
Bri zuckte mit den Schultern, legte sich auf das Sofa und las.

Bri öffnete die Augen. Das Buch in ihrer Hand ließ Schlaf raubende Spannung vermissen. Sie hatte nie ein Buch vor Beendigung weggelegt. Dieses war die bisher größte Hürde, aber sie war fest entschlossen, auch dieses zu Ende zu lesen. Sie stand auf und schlurfte die Treppe hoch. Ein kalter Luftzug zog durch den Flur. Bri zitterte. Die Tür zu Saschas Zimmer stand offen. Auf dem Boden lag der Rollkragenpullover. Sie griff danach und zog ihn an. Die Wärme breitete sich ungewöhnlich schnell in ihrem Körper aus. Bri grinste erfreut. Sie verließ das Zimmer und stieß mit Sascha zusammen.
„Was machst du mit meinem Pullover!“ Es handelte sich weniger um eine Frage, als die Aussage, dass Sascha es nicht mochte, wenn seine kleine Schwester seine Sachen anzieht. Auch wenn er sie selber nicht anziehen wollte.
„Du ziehst ihn eh nicht an.“ Bri wunderte sich über den Klang ihrer Stimme. Das Piepsige war einer schönen, hellen Frauenstimme gewichen.
„Wieso kannst du plötzlich sprechen!“
„Ich konnte schon immer sprechen, Blödmann.“
„Mir scheißegal! Gib mir den Pulli!“
Bri zog den Pullover aus und drückte ihn Sascha in die Hand.
„Hier“, piepste sie.
Sascha zog den Pullover aus demonstrativen Zwecken über. „BLEIB VON MEINEN SACHEN!“ Eine Druckwelle entstand bei dem Schrei. Bri flog durch den Flur und knallte gegen die Wand. Die Sicht verschwamm. Das Letzte, das sie sah, war Sascha, der panisch die Treppe hinunter flüchtete. Dann wurde alles dunkel.

Wasser ran über Bris Augenlider. Sie wischte die Flüssigkeit weg und öffnete die Augen.
„Was ist passiert, Britta? Geht es dir gut?“ Oma saß neben ihr und drückte ihr einen nassen Lappen auf die Stirn.
„Wo ist Sascha?“, piepste Bri hervor.
„Was?“
„Vergiss es.“ Bri schob den Lappen von ihrer Stirn, holte tief Luft und startete einen ungewohnten Redeschwall: „Oma, hast du beim Stricken des Pullovers irgendwas anders gemacht, als sonst?“ Ein Dutzend Wörter waren elf mehr, als Bri gewöhnlich in einem Satz sagte. Aber es gab Situationen, in denen musste man seine Stimme voll ausnutzen. Selbst, wenn der taube Zuhörer nur die Hälfte verstand.
„Ich habe die Wolle in diesem neuen Geschäft gekauft.“ Oma hatte glücklicherweise die richtige Hälfte der Worte verstanden. „Ich habe sie in einem Laden von einem alten Chinesen mit langem Bart gekauft.“ Sie griff neben sich. „Leider habe ich nichts mehr übrig. Aus dem Rest habe ich dieses Paar Socken gestrickt.“
Bri riss ihr die Socken aus der Hand und zog sie an. „Muss los, Oma.“ Sie stand auf und lief los. In Rekordzeit erreichte sie die Haustür, die durch den Laufwind hinter ihr zu fiel. Sie blieb stehen, verschränkte die Arme vor der Brust und lief noch mal ins Haus, um sich einen Pullover anzuziehen. Genau 4,2 Sekunden später war sie wieder draußen.
Sie lief durch die Stadt. Sie ahnte, wo Sascha sich aufhielt. Ein Gespräch zweier Stadtbewohner bestätigte sie in ihrer Annahme.
„Dieser Verrückte lief durch die Stadt und schrie durchgehend nach einem Comic. Er brüllte so laut, dass alles vor ihm einfach weggeschleudert wurde.“
„Da, eine Heldin.“ Jemand zeigte auf Bri, die durch die Stadt lief, der Spur der Verwüstung, die Sascha hinterlassen hatte, folgend. „Sie wird uns retten.“
„Heldin? So ein Quatsch. Die hat nicht mal Schuhe an. Das ist bestimmt nur ne verwirrte Obdachlose.“
Bri ignorierte die Gespräche um sie herum. Sie erreichte Codemysters Comics, den bekanntesten Comicladen der Stadt, in dem sich täglich Hunderte Comicfans um Hefte mit bunten Bildern stritten. Es war spät. Der Laden war geschlossen. Die Streitigkeiten für heute beendet. Die Streitgewinner saßen bereits zu Hause und blätterten in ihren neu erstandenen Heften. Sascha sah durch das Schaufenster und schlug gegen die Scheibe. In der Spiegelung des Glases musste er Britta hinter sich bemerkt haben. Er drehte sich um. An seinen Pullover hatte er einen Zettel getackert, auf dem „Zkreem Kink“ mit Filzstift geschrieben stand.
„GEH NACH HAUSE, BRITTA!“ Er stand einige Meter entfernt, aber der Luftstoß seiner Stimme wirbelte Bris Haar durcheinander.
Bri ging auf ihn zu. Schneller, als sie es geplant hatte. Sie hatte die Socken noch nicht unter Kontrolle.
„DU WIRST MICH NICHT DAVON ABHALTEN, DASS ICH MIR DAS COMIC HOLE!“
Bri kämpfte gegen den Wind an, der ihr entgegen blies. Sascha drehte sich um und schrie den Laden an. Fensterscheiben zersplitterten. Die Ladentür flog auf. Bri fasste Sascha beruhigend auf die Schulter. In den meisten Fällen half das. Dies war ein anderer Fall.
„HAU AB!“ Sascha schrie Bri ins Gesicht. Ihre Haare drohten, sich von der Kopfhaut zu trennen. Ihre Kleidung drohte, sich von ihrem Körper zu trennen. Ihre Augen drohten, sich aus den Augenhöhlen zu trennen, und durch das Gehirn in ihren Schädel gedrückt zu werden. Aber Bri blieb felsenfest stehen. Verwundert sah Sascha sie an.
Bri blickte traurig in die Augen ihres Bruders. „Tut mir leid“, piepste sie und trat ihm mit ihrem Supersocken zwischen die Beine.
Sascha hob einige Meter vom Boden ab. Er schien einen Moment zu schweben, bevor er hart auf dem Boden aufprallte.

Sascha wurde in den Krankenwagen geschoben. Bri schaute dem Wagen hinterher. Sie zog den Rollkragenpullover an und lief nach Hause, um sich ihre neue, wohlklingende Stimme anzuhören. Sascha hatte von diesem Tag an auch eine neue Stimme. Bri erfand einen Spitznamen für ihn, der nicht besonders kreativ, aber passend war. Von diesem Tag an nannte sie ihn Fürst Fistelstimme.

Short Story Collab # 12 – Neuanfang

Der erste Monat des Jahres ist rum und ich bin weiterhin krank. Um genau zu sein, wird es immer schlimmer. Zuletzt gesellte sich noch eine Grippe zu meinen anderen Leiden, wodurch ich die letzte Woche im kompletten Zombiemodus durchs Haus torkelte, oder einfach direkt den ganzen Tag im Bett geblieben bin. Deshalb ist hier momentan recht wenig los. da heute aber der letzte Tag im Januar ist, muss ich zumindest mal schnell die nächste Short Story raushauen, zu der David monatlich aufruft.

Leider war es mir durch besagte Krankheit nicht möglich, der Geschichte etwas Feinschliff zu verpassen, aber lesen könnt ihr es ja trotzdem.

Das Thema Neuanfang bot sich geradezu an, um eine Fortsetzung zur ersten hier veröffentlichten Short Story zu schreiben. Und natürlich driftet das Ganze wieder recht schnell in eine völlig andere Richtung. Aber lest halt selbst:

 

Leos Rachepläne gingen mit dem Schiff im Meer unter. Trotz seiner Ermahnungen, ließ sich Horst der Wer-Holzwurm nicht davon abhalten, sein Unwesen im Holzbug des Schiffs zu treiben und dieses letztlich versehentlich zu versenken. Horst stieg aus dem Meer, spuckte eine Suppe aus Salzwasser und Holzspänen in den Sand und stapfte, ein „Entschuldigung“ murmelnd, an Leo vorbei. Leo ließ den Kopf hängen, als der Hauptmast vor seinen Augen im Ozean versank.
„Willst du etwas Kokosnusssalat?“
Leo drehte sich um und sah Gertruds breites Lächeln. „Er ist ganz frisch“, sagte sie fröhlich.
Er blickte auf die Kokosnusshälfte in ihrer Hand, in der ein Brei aus grünen Blättern, roten Beeren und weißer Milch schwappte. Leo schlug das Frühstück weg und schlurfte davon in den Dschungel.

„Leo scheint schlecht drauf zu sein“, fiel Bruno auf. Er schaute in seine Kokosnusshälfte und verzog das Gesicht. Seit einem Monat hatten sich die Gestaltwandler davon ernährt. Er stellte den Salat weg. „Ich gucke mal, was mit ihm los ist.“
„Meinst du nicht, wir sollten uns langsam mal etwas organisieren?“, fragte Gertrud. „Wir werden wohl etwas länger hier sein. Wulf macht sich auch schon nützlich.“ Sie zeigte zum Werwolf, der ein Loch im Sand grub.
„Was macht er da?“
„Ich schätze, er gräbt ein Fundament, damit wir ein Haus bauen können.“
Wulf rollte eine Kokosnuss in das Loch und grub es zu.
„Oder er legt einen Essensvorrat an.“
„Okay, ruf alle zusammen. Wenn ich mit Leo wieder da bin, beginnen wir mit den Planungen zum Neuanfang auf der Insel.“
Bruno ging in den Dschungel. Seine Fährtensucherfahrungen beschränkten sich bisher darauf, Honiggläser in Küchenschränken aufzuspüren. Dabei hatte er einfach in alle Schränke geguckt, bis er den Honig fand. Leo war in keinem Schrank. Er war im Dickicht verschwunden, das vor Bruno aufragte. Der Werbär schlich durch Büsche und Sträucher. Moskitos summten herum. Es waren normale Moskitos. Bruno mochte keine normalen Tiere. Mit ihnen konnte man nicht verhandeln. Ein Moskito stach ihn und surrte fröhlich davon. „Kackvieh!“ Bruno rieb sich den Arm.
„Du-uh-ah-ah hättest etwas Schnittlau-uh-ah-ah-ch mitnehmen sollen.“ Albert der Weraffe hing mit einem Arm an einem Ast und schaukelte fröhlich hin und her, wie ein haariges Pendel. „Angeblich reagieren Moskitos darau-uh-ah-ah-f sensibel.“
„Danke für den Tipp“, brummte Bruno. „Wenn ich etwas Schnittlauch finde, werde ich so viel mitnehmen, wie ich tragen kann. Autsch.“ Summ. „Verdammte Mistviecher.“
„Da hinten habe ich Schnittlau-uh-ah-ah-ch gesehen. Ich kann dir zeigen wo es ist.“ Der Affe schwang an einer Liane davon. Bruno folgte ihm leise Fluchtiraden murmelnd und seinen anderen Arm reibend.

Bruno kam sich dämlich vor, wie er mit einer Schnittlauchkette um seinen Hals im Urwald stand. Immerhin hielten sich die Moskitos von ihm fern.
„Du-uh-ah-ah hattest Glück“, erklärte Albert und schälte eine Banane. „Ich habe noch nie von einem Dschu-uh-ah-ah-ngel gehört, in dem Schnittlau-uh-ah-ah-ch wächst.“ Er schob sich die Banane komplett zwischen die Backen und schwang davon.
Bruno seufzte. Von Leo fand sich keine Spur. Bruno irrte orientierungslos weiter zwischen den Bäumen umher. Ein lautes Brüllen sprach dafür, dass Leo sich in der Nähe befand. Bruno lief los, so schnell seine vier Pfoten ihn trugen.

Bruno erreichte eine Lichtung. Leo stand auf dem Weg und brüllte einen Vogel an.
„Was machst du da, Leo?“
Leo drehte sich um und sah Bruno an. das heißt, er hätte ihn angeschaut, wenn ihm nicht das Gestrüpp, das er seltsamerweise auf dem Kopf trug, über die Augen gerutscht wäre. Leo schob das Astgebilde hoch. „Ich streite mich mit diesem unhöflichen Vogel.“
„Warum?“
„Weil er mir Respekt zu zollen hat. Ich bin der König des Dschungels.“ Leo zeigte auf seine Stirn. „Siehst du nicht die Krone?“
„König des Dschungels? Man, Leo, du kennst dich im Dschungel doch gar nicht aus. Du bist gerade mal 5 Minuten hier drin.“
„Mir kommt es vor, wie eine Ewigkeit. Und als Löwe kenne ich mich aus Prinzip im Dschungel aus. Und dieser Vogel hat seinem König gefügig zu sein.“
„Was hat er denn getan?“
„Er hat mich beleidigt.“
Bruno ging näher an die Streitenden heran und betrachtete den bunten Vogel, der auf einem Ast saß und absolut kein Interesse an den beiden Gestaltwandlern zu zeigen schien. „Polly will nen Keks“, sagte der Vogel und stocherte mit seinem Schnabel in seinem Gefieder rum. Bruno vermutete, dass er dort seine Kekse verstaut hatte.
„Man, Leo, der Vogel ist doch völlig harmlos. Können wir jetzt zurück gehen? Die anderen werden langsam nervös und wollen Häuser bauen.“
„Ich gehe nicht zurück, Bruno. Ich bin als euer Anführer gescheitert …“
„Genau genommen, warst du nie unser Anführer, Leo.“
„Indirekt schon. Ist ja auch egal. Ich bleibe jedenfalls hier. Im Dschungel. Meinem Revier.“
„Dein Revier. Du weißt doch noch nicht mal genau, wo du dich befindest.“ Bruno sah den Weg zurück, den er gekommen war. „Um genau zu sein, weiß ich es auch nicht. Also vergiss den Vogel und lass uns den Weg zurück suchen.“
„Du kämpfst wie eine Kuh!“ Der bunte Vogel krächzte und flog davon.
„Der verdammte Vogel hat mich eine Kuh genannt.“ Leo brüllte. „Zum zweiten Mal.“ Leo rannte los.
Bruno seufzte und verfolgte ihn.

„Da ist er.“ Leo saß in einem Gebüsch und schielte durch die Blätter.
„Wo?“, fragte Bruno und setzte sich neben ihn.
„Auf der Schulter von dem Typen mit dem Holzbein, der Augenklappe und der Hakenhand.“
„Eigenartige Gestalten sind hier unterwegs. Selbst in der Stadt würde niemand so vor die Tür gehen.“
Leo warf die selbstgebastelte Krone weg. „Vielleicht muss ich die Königsherrschaft doch noch etwas verschieben. Ich habe einen Weg von der Insel gefunden.“
„Was? Wo denn?“
„Das Schiff. Wir werden es stehlen.“
Bruno schob einige Blätter zur Seite und sah das große Schiff, das im Wasser schwappte. Ihn beschlich ein ungutes Gefühl. Erst kürzlich waren sie einer wütenden Menschenhorde entkommen. Jetzt wollte Leo sich mit der nächsten anlegen, die zudem noch weniger nett aussah, als die Stadtbewohner. Oder zumindest verrückter. Bruno kannte sich mit verrückten aus und wusste, wie unberechenbar sie waren. Er war mit einer Horde davon auf der Insel gestrandet.
„Und den Vogel nehmen wir auch mit.“
„Vergiss doch den Scheißvogel, man.“
„Denk doch mal nach, Bruno. Er könnte wertvoll sein.“
„Wertvoll? Wieso das?“
„Wie viele sprechende Vögel kennst du?“
„Nun ja“, Bruno sah zurück in die Richtung, in der er den Strand vermutete, „den einen oder anderen.“
„Du weißt was ich meine“, knurrte Leo. „Er ist kein Wertier. Ein echter sprechender Vogel bringt bestimmt viel Geld. Und mit dem Geld können wir unsere Rache an den Stadtbewohnern finanzieren.“
„Man, Leo, bist du immer noch auf diesem Rachetrip? Vergiss das doch endlich mal.“
„Wir müssen schnell handeln.“ Leo ignorierte Brunos Ratschlag. „Lass uns zurück zum Strand gehen und die anderen holen. Wir müssen zuschlagen, bevor der Vollmond weg ist.“

Am Strand herrschte Chaos, was Bruno nicht überraschte. Auch wenn niemand Leo als Anführer anerkannte, war allen bewusst, dass er die Gruppe zusammenhielt und für Ordnung sorgte. Diese Ordnung war momentan völlig über den Haufen geworfen.
„Kathrin, was ist hier los?“, fragte Leo die Werkatze, die sich als Einzige nicht an den Streitereien beteiligte und stattdessen mit einer Fischgräte spielte.
Sie spuckte die Fischgräte aus. „Hm?“
„Vergiss es.“
Leo sorgte mit einem laut gebrüllten „Ruhe!“ für Ruhe. Er hörte sich die Beschwerden der Gestaltenwandler an, bei denen sich herausstellte, dass man sich nicht einig wurde, wer welches Zimmer im zukünftigen Strandtraumhaus beziehen durfte.
„Ihr habt noch nicht mal ein Haus gebaut“, sagte Leo. „Und wir werden auch keins bauen. Wir bleiben nicht hier.“
Leo erklärte die Sachlage. Alle hörten zu und nickten zustimmend. Alle außer Kathrin, die eine Kokosnuss über den Strand rollte.

Die Männer saßen um ein Lagerfeuer, tranken Rum und sangen schmutzige Lieder über hübsche Mädchen und Männer mit einem, zwei und drei Beinen. Die Wertiere dachten nicht weiter darüber nach, wie ein Mann mit drei Beinen aussehen könnte.
Der Plan war simpel und Idiotensicher. Zumindest hatte Leo das behauptet. Bruno hatte seine Zweifel. es gab verschiedene Abstufungen von Idioten. er wusste auf welchem Idiotengrad die meisten Wertiere wandelten. Alle Wertiere sollten sich an den betrunkenen Männern vorbei zum Schiff schleichen und dort auf Leo und Bruno warten, die mit dem sprechenden Vogel im Gepäck folgen würden. Leo war nicht weiter darauf eingegangen, wie er den Vogel von der Schulter des einäugigen, behakten Hinkenden beschaffen wollte. Diese Information war auch weniger wichtig, denn der Plan scheiterte bereits bei Phase eins, als Wulf der Werwolf, ängstlich zitternd, ein Rumfass umstieß, dessen Inhalt sich über den Strand ergoss, sich einen Weg ins Lagerfeuer schlängelte, und den Strand in helles Licht tauchte. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis alle Wertiere einen Säbel an der Kehle hatten.

Leos Erklärungsversuche blieben erfolglos. Die Wertiere fanden sich in einer ihnen aus der Stadt bekannten Umgebung wieder. In einem Käfig. Auf dem Schiff. Das auf dem Meer trieb.
Die Männer, die sich als Piraten vorgestellt hatten, verrieten, dass sie die sprechenden Tiere – abgesehen vom sprechenden Vogel Polly – in der Stadt verkaufen würden.
Leo grummelte, im Käfig hockend vor sich hin.
„Sieh es positiv, Leo“, versuchte Bruno ihn aufzumuntern. „Immerhin kommen wir zurück in die Stadt.“
„Fresse, Bruno.“

Short Story Collab #10 – Horror

Durch Steffi, die Mediophatin bin ich auf einen kleinen Spaß aufmerksam geworden, der sich Short Story Collab nennt, welcher ursprünglich von David aka Captain Obvious ins Leben gerufen wurde. Kurz und knapp geht es einfach darum, jeden Monat zu einem bestimmten Thema eine Kurzgeschichte zu verfassen. Und mit der Nummer 10 steige ich auch mal ein, um direkt mal das Thema, welches in diesem Monat HORROR lautet, mehr oder weniger zu verfehlen. Aber lesen könnt ihr das Ganze natürlich trotzdem:

 

Wulf rannte um sein Leben.Hinter sich hörte er die Rufe der Bauern, die mit Mistgabeln und Fackeln seine Verfolgung aufgenommen hatten. Seine Augen boten ihm einen Vorteil in der Finsternis, aber es mangelte an einem Ziel. In der Nähe befand sich kein Ort, an dem er sich verstecken konnte. Er rannte weiter, ständig den Geruch seines verbrannten Fells in der Nase. Die Verfolger würden den Geruch nutzen, um ihn aufzuspüren. Er musste handeln. Schnell. Er blieb zwischen den Bäumen stehen und lauschte. Ein Plätschern deutete auf ein Gewässer in der Nähe hin. Im Wasser könnte er den Geruch abwaschen. Er folgte dem Geräusch. Die Bauern kamen näher. Er sah zurück und erblickte die leuchtenden Fackeln zwischen den Bäumen. Er lief weiter zu einer Schlucht. In der Tiefe strömte ein Fluss durch die Landschaft. Es war nicht so tief, dass man den Sprung nicht überleben konnte, aber tief genug, um sich lieber Alternativen zu überlegen. Wulf blieb dazu keine Zeit. Das Feuer kam näher. Er überlegte nicht lange und sprang in die Tiefe.

Lautes Gemurmel hallte durch den Raum. Es stammte von den Gästen, die an einem runden Tisch saßen und sich ausschweifend über ihre zuletzt erlebten Abenteuer unterhielten. Das flackernde Licht von tropfenden Kerzen spiegelte sich in den braunen Augen von Leonard. Er schob seine langen Haare über die Schultern zurück und räusperte sich, um für Ruhe zu sorgen. Der gewünschte Effekt blieb aus. Er schlug einen Löffel an ein Weinglas, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Gäste redeten weiter. Ein gezielter Wurf, mit dem Glas, an die gegenüberliegende Wand, brachte ihm die gewünschte Aufmerksamkeit.
„Man, Leo, du hast deine Aggressivitätsausbrüche immer noch nicht ganz im Griff, was?“, sagte der behaarte Mann rechts neben ihm, der aussah, als hätte er in letzter Zeit keine Mahlzeit verpasst. Der Stuhl unter ihm bog sich Richtung Erdkern.
„Fresse, Bruno.“
Leonard blickte durch die Runde. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Alle, außer die von Kathrin, die geistesabwesend mit einem Wollknäuel spielte. Leo verdrehte die Augen, seufzte, setzte sich hin und erklärte, warum er den Rat der Gestaltenwandler einberufen hatte.
„Ich habe euch alle hier her bestellt, weil mir zu Ohren gekommen ist, dass es in letzter Zeit vermehrt Probleme bei der Essensbeschaffung gab. Die Menschen scheinen ihre Angst vor uns zu verlieren und sich zu organisieren, um die Rasse der Gestaltenwandler auszurotten. Als Ritzo, die Werrratte in eine Mäusefalle lief, hielt ich es noch für einen Zufall. Als Zeb, das Werzebra von einem Jäger erlegt wurde, begann ich skeptisch zu werden. Zuletzt konnte Wulf, der Werwolf nur knapp dem Tod entrinnen, indem er wagemutig von einer Klippe sprang …“
„Jaaaaoooouuuuuhhhhh, es war alles so furchtbar“, jaulte Wulf. „Ich rieche noch immer das verbrannte Haar von meinem Fell.“ Er begann zu weinen.
„Jetzt reiß dich mal zusammen, man“, brummte Bruno, der Werbär. „Guck dir an, was sie mit Gertrud angestellt haben.“
Alle sahen Gertrud an, eine groß gewachsene Frau, deren blondes Haar unter einem Verband versteckt war.
„Sie heult hier auch nicht rum.“
„Oh, das?“ Gertrud zeigte auf ihren Verband. „Das war ein Unfall. Der Torbogen zur Stadt ist einfach zu niedrig.“
„Du bist eine Wergiraffe. Was wolltest du überhaupt in der Stadt?“
„Ich mag die Blätter von den Bäumen im Park.“
„Oh ja, die Nüsse im Park sind auch ganz toll“, meldete sich Erik, das Wereichhörnchen zu Wort.
„Ich kann die Beeren von den Sträuchern empfehlen“, sagte Anne, die Weramsel und flatterte aufgeregt mit den Armen.
„Wenn wir dann wieder auf den Punkt kommen könnten“, knurrte Leo genervt. „Vor langer Zeit habe ich euch gewarnt, dass die Menschen uns gefährlich werden würden, aber ihr wolltet nicht hören. Ich verstehe das. Wir sind keine Monster. Wir versuchen nur, zu überleben, wie jeder andere auch. Aber jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir eine Entscheidung treffen müssen. Lassen wir uns von den Menschen in die Berge und Wüsten verdrängen, um dort einen langsamen Hungertot zu erleiden, oder schlagen wir zurück?“
„Was schlägst du vor, Leo?“ Der Stuhl drohte jeden Moment zusammenzubrechen.
„Wir verbünden uns. Und verjagen die Menschen aus der Stadt.“
Alle schwiegen und sahen Dinge an, die nicht existierten, aber interessant zu sein schienen.
„Wir sollten abstimmen.“ Leo stand auf. „Jeder, der dafür ist, die Menschen zu verjagen, hebt die Hand.“
Leo hob seine Hand. Alle anderen Anwesenden warteten, bis jemand sich Leo anschloss.
„Du weißt, ich bin gegen jegliche sinnlose Gewalt, Leo. Aber in diesem Fall sehe ich keinen anderen Ausweg.“ Bruno stand auf, was dem Stuhl unter ihm Erleichterung verschaffte. Der Werbär hob die Hand.
Nachdem jemand den Anfang gemacht hatte, folgten weitere Hände. Nach wenigen Momenten waren alle Hände am Tisch erhoben. Alle, außer die von Kathrin, die sich mittlerweile in dem Wollknäuel verheddert hatte, und versuchte sich zu befreien. Leo verdrehte die Augen und ritzte mit einem scharfen Fingernagel die Wolle auf. Kathrin warf die Wollreste in die Luft und ließ sie auf sich herunterregnen.
„Kathrin?“ Leo verlor langsam die Geduld.
„Hm? Ja, ja, was immer du sagst.“
„Also ist es entschieden. Beim nächsten Vollmond greifen wir an.“ Leo setzte sich zufrieden auf seinen Stuhl und verschränkte grinsend die Arme vor der Brust.

Mehrere Leute standen im Regen.
„Man, das ist vielleicht eine beschissene Nacht, um eine Stadt zu überfallen.“ Bruno wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Es wurde sofort durch Neues ersetzt.
„Stell dich nicht so an“, sagte Leo, der die Regenwolken beobachtete.
„Macht dir der Regen gar nichts aus? Ich dachte immer, Katzen hassen Wasser.“
„Ich bin ein Löwe. Und ja, ich gebe zu, das Wetter ist nicht das beste, aber den Menschen wird es auch nicht gefallen.“
Leo drehte sich um und sah seine Mitstreiter an. Wulf wälzte sich im Matsch und jaulte fröhlich. Erik versuchte, mit den Zähnen eine Nuss zu knacken, die sich als besonders widerspenstig herausstellte. Gertrud versuchte ihren Verband davon abzuhalten, von ihrem Kopf zu schwimmen.
„Gleich ist es so weit“, sagte Leo. „Sobald die große Wolke vorbei gezogen ist, wird der volle Mond auf uns herunter scheinen und wir werden uns verwandeln.“ Er blickte durch die Runde und wurde das Gefühl nicht los, dass er eine bessere Armee haben könnte. Es hörte auf zu regnen. Er atmete tief durch. „Seid ihr bereit?“
Niemand sagte etwas. Man hätte eine Grille zirpen hören können, aber Gustav die Wergrille hatte sich noch nicht verwandelt. Leo verdrehte die Augen.
„Also los.“, seufzte er.
Die Wolke zog weiter und legte den Blick auf den Mond frei, der das Licht auf die durchnässten Gestalten reflektierte. Felle wuchsen, Hälse streckten sich, Krallen ersetzten Fingernägel, eine Grille zirpte.
Die Werarmee zog los. Die Stadt war nicht weit entfernt. Nach einigen Minuten drängten sich die Gestalten durch den Torbogen. Ein „Autsch“ hallte von Höhe des Torbogens herab.

„Wir hätten das Ganze vielleicht etwas besser durchplanen sollen, Leo.“
Die Gestaltwandler baumelten in einem Käfig über dem Marktplatz. Die Stadtbewohner bewarfen sie mit Tomaten.
„Es war eine Falle. Jemand muss sie gewarnt haben, dass wir kommen.“
„Die Tomaten sind echt gut.“
„Hast du schon einen Fluchtplan, Leo?“
„Ich arbeite daran. Wo ist Paul, das Werpferd?“
„Hie-ie-ier.“
„Siehst du die Pferde da vorne? Die vor die Kutsche gespannt sind?“
„Natürli-i-ich.“
„Kannst du sie rüber rufen. So, dass die Kutsche direkt unter unserem Käfig steht?“
„Si-i-icher.“
Paul wieherte. Die Pferde zogen die Kutsche über den Marktplatz, stießen Menschen zur Seite und parkten sie unter dem Käfig. Sven, der Werspecht flog über den Käfig und hackte mit seinem Schnabel das Seil durch. Der Käfig fiel auf die Ladefläche der Kutsche.
„Okay, weg hier.“
„Wohi-i-in?“
„Völlig egal. Sie sollen einfach losreiten.“
Paul wieherte in einer anderen Tonlage als zuvor und die Pferde setzten sich in Bewegung. Wachen sprangen auf ihre eigenen Pferde und nahmen die Verfolgung auf. Verwunderte Blicke breiteten sich auf ihren Gesichtern aus, als sie, nach einem Wiehern des Pferdes im Käfig auf der Kutsche, von den Pferden aus den Satteln geworfen wurden.
„Wir müssen den Käfig öffnen“, erklärte Leo, während die Kutsche über das Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone hüpfte. „Günther kannst du das Schloss mit deinen Krallen aufschließen?“
„Ich kann es versuchen.“ Günther, das Wergürteltier zwängte sich zwischen den anderen Käfiginsassen hindurch und schob eine Kralle ins Schloss der Käfigtür.
Die Pferde blieben stehen, als sie ein Ufer erreichten.
„Warum bleiben wir stehen?“ Leo sah sich nach den Pferden um.
„Wir sind an den Docks, Leo.“
„Das sehe ich auch.“
„Autsch.“ Günther lutschte an seiner Pfote. „Ich habe mir eine Kralle eingerissen.“
„Du wirst es überleben. Ist die Tür offen?“ Leo stieß die Tür an. Sie schwang auf. „Raus hier“, befahl er.
Die Wertiere verließen nacheinander den Käfig und sahen sich einer Menschenmenge mit Fackeln gegenüber. Einer der Männer trat einen Schritt vor.
„Das war der wohl schlechteste Fluchtversuch, den diese Stadt jemals erlebt hat“, sagte er. „Der Typ, der letzte Woche im Gefängnis versucht hat, einen Tunnel nach Neuseeland zu graben, hatte größere Erfolgschancen.“ Der Mann gab der Menge ein Zeichen mit der Hand. Diese zogen ihre Waffen, Mistgabeln und einen Löffel. Der Mann sah die Person mit dem Löffel neben sich an. „Ich habe meine Mistgabel verlegt“, erklärte dieser.
„Warum jagt ihr uns?“ Leo stand vor der Wergruppe und sah die Menge mit seinen Löwenaugen an. „Wir haben euch nichts getan. Wir jagen nicht in der Stadt. Wir reißen nicht euer Vieh auf den Weiden. Wir können friedlich miteinander leben.“
„Die Giraffe hat unseren Stadtpark verwüstet. Die armen Kinder waren ganz verängstigt. Wir haben sie nur am Leben gelassen, weil sie sich bereit erklärte, mit uns zusammenzuarbeiten.“
Leo drehte sich zu der Giraffe um. „Du hast uns verraten?“
„Sie wollten mich zwingen, Fleisch zu essen“, heulte Gertrud. „Außerdem wisst ihr, dass ich Gewalt verabscheue. Immerzu seid ihr am Jagen. Dabei habe ich euch so tolle Salate angeboten. Ich will nur ein Leben in Frieden führen. Kathrin stimmt mir sicher zu. Nicht wahr, Kathrin?“
„Hm? Ja, ja, was immer du sagst.“ Kathrin beobachtete abwesend einen Fisch, der im Wasser unter der Hafenkante schwamm.
„Wir werden das später besprechen“, sagte Leo.
„Gute Idee“, sagte der Anführer der Menschenmenge. „Es wird langsam kalt.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Nun, für unser Problem gibt es eine einfache und eine schwere Lösung.“
„Man, wie abgedroschen“, brummte Bruno.
Der Mann ignorierte den Kommentar des Bären. „Verlasst das Land. Oder sterbt.“
„Ihr lasst uns keine Wahl.“ Der Löwe brüllte und stürmte nach vorne.

Ein klappriges Boot, das den Eindruck erweckte, als wäre es innerhalb weniger Minuten, von blinden Handwerkern, denen jeweils ein Arm fehlt, zusammengehämmert worden, schipperte langsam über das Meer.
„Du hättest bedenken sollen, dass wir alle Angst vor offenem Feuer haben, Leo.“ Bruno stand am Steuerrad und tat so, als wisse er, was er tut.
„Die paar Fackeln. Ihr Feiglinge.“ Leo betrachtete den Horizont, der durch die aufgehende Sonne in ein strahlendes Rot gefärbt wurde. In der Ferne sah er Insel. „nimm Kurs auf die Insel“, befahl er Bruno. „Vielleicht sind die Menschen dort freundlicher.“
Das Boot erreichte die Insel. Die Reisenden betraten den Strand. Das Boot fiel auseinander. Leo verdrehte die Augen, setzte sich in den Sand und sah Kathrin beim Spielen mit einer Kokosnuss zu.
Während er auf den nächsten Vollmond wartete, schmiedete Leo Pläne zum nächsten Angriff auf die Stadt.