Filmschrott

Schlechte Filme von Mainstream bis Trash. Die Lücke ist kleiner als man denkt.

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Fortbildung in amateurhafter Inkompetenz in allen möglichen Bereichen der filmischen Unfähigkeit

Vor geraumer Zeit hatte ich ja schon mal das zweifelhafte Vergnügen, einen Jochen Taubert Film hier zu besprechen, der … sagen wir, nicht gerade der Bringer war. Aber man sollte niemals unterschätzen, wie sehr man sich selbst unterbieten kann. Ich persönlich beweise das quasi jede Woche aufs neue. Und auch Jochen Taubert hat noch mal alles gegeben, um ein unfassbar fürchterliches Machwerk abzuliefern, das Fluch der Karibik 5 wie einen Kubrickfilm nach einem Drehbuch von Goethe erscheinen lassen wird. Passend zum Start des neuen Piratenfiaskos in den deutschen Kinos also hier ein Piratenfiasko, das es berechtigterweise nie bis ins Kino geschafft hat.

PIRATENMASSAKER – Deutschland – 2000 – 90 Min.

Es dauert genau den Bruchteil einer Hundertstelsekunde, um festzustellen, dass das hier mindestens genau so scheiße wird, wie der erste Taubert, der uns hier begegnet ist. Nur eben mit Piraten. Die Bildübergänge vermitteln allerdings eher den Eindruck von billigstem Cyberpunk. Vielleicht erleben wir hier also doch eine Überraschung … ach, machen wir uns nix vor. Das wird einfach wieder komplett hirn- und vor allem talentlos.

Schöne Unterwasserwelt. Ich frage mich, in welchem öffentlichen Aquarium die Haie gefilmt wurden. Und nur mal so als Tipp: Wenn man schon die Möglichkeit hat, ein Piratenschiff im Vergnügungspark um die Ecke zu filmen, dann wäre es vielleicht nicht ganz doof, einen Zeitpunkt abzuwarten, in dem nicht gefühlt 42 Wasserfontänen in die Luft spritzen und so direkt die Illusion zu zerstören, dass man hier im Piratenzeitalter rumschippert.

Okay, die Illusion will man wohl eh nicht aufrecht erhalten, denn ein normales Seegelboot zum Piratenschiff umzubauen funktioniert halt nur so semi. Und was zur verfickten Hölle geht eigentlich mit der Musik ab? Neben einem Fischerchor, der „Aloha He“ singt, dudelt noch irgendein Gedudel darunter her und jeder Bildübergang muss auch noch mit einem musikalischen Soundeffekt unterlegt werden. Remix des Todes. Wer da keinen Tinnitus kriegt, ist bereits taub.

So, jetzt aber genug der Grütze. Kommen wir zur Handlung. Die Piratencrew hat einen Mönch auf eine Insel gebracht. Und auf dieser Insel soll angeblich ein Messer vergraben liegen, auf dem eine Schatzkarte eingraviert ist. Moment mal. Die Schatzkarte ist auf dem Messer? Wie groß ist so ein Messer? 10 Zentimeter? Was für eine Schatzkarte passt da schon drauf? Wie gut versteckt kann der Schatz bitte sein? Der Mönch lacht, wie es eben ein echter Mönch damals getan hat. Da waren die noch nicht so ernst drauf mit Schweigegelübde und allem. Da konnte man auch mal ein Späßchen machen. Oder eben so tun, als wüsste man von gar nix.

Messerjockel will aber natürlich sofort zu dem Messer geführt werden. Der Mönch hebt die Arme, labert irgendwelchen Jibberisch und aus dem Wald kommen die Räuber. Oder Mönche. Oder maskierte Volldeppen in billigen Kutten. Oder wasauchimmer. Ich will jetzt wirklich nicht auf die Action und vor allem die unfassbaren Sterbeszenen eingehen, weil sie einfach unfassbar sind.

Viel wichtiger ist ohnehin die Frage, wo plötzlich der Musketier und seine blonde Ische hergekommen sind, die da durch die Gegend laufen.

Das Piratenschiff wird jedenfalls abgefackelt, wie uns einer der Charaktere verrät „Mein schönes Schiff brennt lichterloooooooooooh!“ und geht dann unter, wie uns die blonde Ische verrät „“Das Schiff sinkt.“ Zur passenden Atmosphäre trägt grottenschlechte Technomusik bei, denn die macht jede Szenerie direkt noch mal schlechter. Vor allem in einem PIRATENFILM!!! Wenn der Twist hier nicht ist, dass Guybrush Threepwood und sein Bruder Chuckie nur im Vergnügungspark Piraten spielen und dabei Techno hören, ist das alles komplette Scheiße im Quadrat. Und ich kenne die Antwort jetzt schon.

Der Käptn will einen Mönch lynchen, aber als er ihm die Maske abzieht, stellt er fest, dass es eine Frau ist. Also geht er einfach wieder und … hat der ernsthaft Turnschuhe an? Come on! Gebt euch doch wenigstens etwas Mühe.

In einem Anflug von ganz großer Comedy wird ein Pirat von einer Armbrust ins Bein getroffen und schlägt vor, dass die anderen besser ohne ihn weiterlaufen. Ein Gag, der niemals alt wird. Als ihn ein Speer endgültig erlegt, ist klar, dass er recht hatte. Hätte er mal glaubhafter gespielt. Diese Sterbeszenen sollten wirklich an jeder Schauspielschule als abschreckendes Beispiel verwendet werden.

Wer ist sie denn jetzt? Zwei Mönche verfolgen eine Frau in grünem Kleid und ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund, wird andauernd der Ton abgeschnitten und beginnt von vorne. Nicht mal den Sound kriegen die hin. Es ist unfassbar. Sie stirbt. Die Szene war also nicht nur scheiße, sondern auch völlig sinnlos.

Die übrigen Piraten verstecken sich in einem Loch und beobachten den mönchischen Kannibalismus. Den Geräuschen nach zu urteilen, könnten sie auch Zombies sein. Aber das wäre ja lächerlich.

Einer der Piraten wird angeschossen, als er den Schiffsjungen rettet, der kein Blut sehen kann und zusammenbricht.

Dann wird erstmal gepennt und geträumt. Von Titten natürlich. Und einem Mauscursor, der das Video mit besagten Titten startet. Schon die Piraten träumten also von Internetpornografie. Die anderen Piraten spielen am Ständer des Pornoträumenden rum, aber dann stirbt der Schiffsjunge, was diese grandiose Szene unterbricht. Nur der Angeschossene überlebt die nächste Attacke und liefert sich einen unglaublich spannenden Messerkampf mit einem Mönch … und verliert. Ach so, dass sich einer der Mönche den Ständer des toten Tagträumers reinpfeift muss ich wohl nicht erst erwähnen, oder?

Ich frage mich nebenbei, warum die Leichen so komisch rumstöhnen, wenn sie gefressen werden. Doch Zombies?

Oh, der Musketier und seine blonde Trulla sind auch noch da. Offenbar waren sie auf dem Piratenschiff, weil sie dachten, es wäre ein Handelsschiff. Moment mal … Also mal davon abgesehen, dass die Blondine und der Musketier wirklich nicht die schärfsten Degen im Fechtkampf sind, was sind das denn bitte für Piraten, die irgendwelche Honks einfach mal so durch die Gegend schippern? Betreiben die nebenbei ein Kreuzfahrtunternehmen, oder wie soll ich mir das vorstellen?

Und da ist noch ein Musketier. Und er läuft mit einem fetten Piraten durch die Gegend. Es ist schon bemerkenswert, wie es dieser Film schafft, so viele Charaktere unterzubringen, ohne auch nur einen einzigen Charakter zu haben. Irgendeine Tussi isst einen Arm und einer der Trottelpiraten schleicht sieben Stunden um sie herum, ohne sie zu bemerken. Vielleicht sollte er sich dem Musketier und der Blondine anschließen. Zusammen kriegen die vielleicht eine halbe Gehirnzelle zusammen. Kampf. Beide sterben. Mir egal.

Der Käptn latscht mittlerweile mit der Trulla durch die Gegend, die er vorhin nicht gekillt hat. Er versucht ihr zu erklären, dass er einen Schatz sucht. Scheinbar sind sie die Hauptcharaktere hier, denn sie verraten ihre Namen. Tia und Mick. Ich werde es in drei Sekunden vergessen haben. Immerhin zieht sie ihre Kutte aus und läuft ab jetzt im Amazonenlook rum.

Wisst ihr, was wir noch gar nicht hatten? Grottenschlechte Rockmusik. Passend zu unfassbar lahmer Action, die es hier ohnehin am Fließband gibt. Ich gehe jetzt mal nicht auf die Pulverfassszene ein. Nur soviel: Wunderkerzen, die zumindest den Eindruck einer Zündschnur vermitteln könnten, gibts zu hundert Stück schon unter 5 Euro. Hier hat man darauf verzichtet. Das Budget von dieser Scheiße sollte damit ausrechenbar sein.

D’Artagnan stirbt und Blondie muss alleine klar kommen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht weit kommen wird. Und da wird sie auch schon von einem Kannibalenmönch geschnappt.

Der Peitschenaugust mit der Zipfelmütze peitscht eine rothaarige Trulla und ihre Freundin und frisst dann ihre Organe. Käptn Fatso und die Amazone beobachten das Treiben und gehen dann lieber mal weiter. Musketier B und der andere fette Pirat latschen auch noch rum. Sterben aber dann irgendwann völlig unspektakulär.

Die Amazone befreit Blondie, die noch lebt. An anderer Stelle latscht noch ein Pirat mit Blondie Zwo rum. Keine Ahnung, wo die herkommen. Habe ich wohl verpasst.

Zeit für grottenschlechten Schnulzenrock. Warum weiß nur Herr Taubert selbst. Das letzte, an das ich denke, wenn ich Vollhonks durch einen Wald tapern sehe, ist Schnulzenrock. Aber hey, jedem seinen Fetisch …

Ich denke, es ist für die geistige Gesundheit aller – vor allem meiner eigenen – besser, wenn ich den Rest etwas abkürze. Im Endeffekt passiert ohnehin nur noch 20 Minuten lang genau das, was schon in der letzten Stunde passiert ist. Mönche und Piraten töten sich gegenseitig im Wald. Irgendwann sind dann nur noch Käptn Fettbacke, die Amazone und die blonde Trulla übrig. Letztere kriegt einen Giftpfeil in die Titten, was die Amazone dazu veranlasst, ihr das Gift aus dem blutenden Bauchnabel zu saugen. Ernsthaft, in diesem Film kriegen die nicht mal sowas simples wie Kontinuität innerhalb von drei Sekunden gebacken. Und dann stirbt sie, ohne dass man jemals ihre Titten gesehen hat. Was für eine Zeitverschwendung.

Käptn Fatman findet das Messer – das jetzt nebenbei ein Dolch ist, was von Anfang an sinnvoller gewesen wäre – und flieht mit der Amazone vor den Mönchen. Die hat aber keinen Bock mehr zu fliehen und will stattdessen den Käptn knallen. Der kriegt aber einen Pfeil in den Arsch und stirbt auf der Stelle. Also: Giftpfeil in Titten = Lebenserwartung von gefühlt drei Stunden. Normaler Pfeil in Arsch = Instant Death. Muss an der Blutzirkulation liegen, die im Arsch einfach stärker ist, als in Titten. Immerhin lernt man hier was über Biologie.

Tia trifft dann einen Mönch, den sie kennt und es gibt Techno, während der Mönch Tia vor den anderen Mönchen verteidigt. Ich glaube ehrlich gesagt, ohne den Versuch von Handlung wäre der Film besser. Der Mönch stirbt und Tia haut ab. Jede Menge Gerenne und der übliche Käse eben, dann versteckt sie sich in einem Loch, hackt einem toten Mönch das Bein ab und wirft es in einen See, in dem offenbar ein Hai rumschwimmt, wie uns ein Cut ins Aquarium wohl weismachen will. Sie wirft auch noch den Dolch rein und einer der Mönche stürmt hinterher ins Meer. Ach, der Tümpel sollte der Ozean sein. Hätte ich um ein Haar nicht erkannt. Mit der Moral „Den Schatz des Lebens, sucht man oft vergebens“ endet der Müll und ich denke, es ist klar, dass man Talent manchmal auch vergebens sucht.

Tja, was soll man dazu noch sagen? Es ist alles so unglaublich schlecht, dass es noch nicht mal wieder gut ist. Ein Haufen Idioten im Wald, die sich beim Piratenspielen filmen ist eben kein Trash sondern einfach Crap, mit dem man den besten Freunden auf den Sack gehen kann, nachdem man die Dias vom letzten Urlaub durchgeguckt hat. Ist nämlich genau so spannend und genau so unterhaltsam. Also gar nicht. Ich gehe mein Messer suchen …

Mach was #3

Das Gemeinschaftsblogprojekt von Pö (ehemals mit oe geschrieben) und Herba (immer noch fasziniert von Unkraut), geht in die dritte Runde. Aber jetzt heißt das Ganze „Mach was“. Find ich gut. Gemeinschaftsprojekt klingt irgendwie so sehr nach singen am Lagerfeuer, während der immer anwesende Volltrottel seinen Marshmallow in den Flammen verliert. Mach was hingegen sagt: „Jetzt komm mal ausm Arsch, du Penner!“ Sehr motivierend.
Das Thema heute: Piraten. Ein gutes Thema, denn das gibt mir die Möglichkeit, die Wertier-Trilogie zu beenden. Wer noch mal sein Gedächtnis auffrischen möchte, was der Wer-Truppe bisher widerfahren ist, findet hier den ersten Teil und hier Teil 2.

Ein leises, aber doch unüberhörbares Grummeln zeugte davon, dass Leo der Werlöwe in seinem Käfig recht unglücklich war. Diesen Umstand verbarg er nicht, als ein Mann, auf einem Stuhl an dem wackelige Holzräder angebracht waren, an seinen Käfig gerollt wurde. Graue Haarsträhnen lugten unter einem schwarzzen Hut mit Totenkopf-Motiv hervor und verbargen einen Teil des graubärtigen Gesichts des Mannes. Was die Haare nicht verdeckten, verdeckte eine Augenklappe.
„Aaaaaaahr“, sagte der Mann unter dem Hut. „Ich bin Captain Half Leg McKee …“
„Ist es üblich, dass Seekapitäne sich über das Deck ihres Schiffes fahren lassen?“, fragte Leo gelangweilt.
„Aaaaaaahr“, begann McKee scheinbar jeden Satz, „natürlich nicht. Aber leider wurde mir vor geraumer Zeit von irgendeinem Spaßvogel mein Holzbein abgesägt während ich meinen Rausch ausgeschlafen habe. Ein neues kann ich mir nicht leisten.“
„Leisten? Ihr seid Piraten. Stehlt doch einfach ein Holzbein.“
„Aaaaaaahr“, McKee schien sein persönliches Wort des Jahres bereits gefunden zu haben, „wir sind Piraten, aber das Tischlerhandwerk ist eine große Kunst. Wir würden niemals von einem Handwerker stehlen. Auch Plündern und Brandschatzen hat seine Grenzen.“
„Ich könnte dir ein Holzbein kauen“, schlug Horst der Werholzwurm vor.
„Aaaa … Ähem. Habt ihr was dagegen, wenn ich auf das ‚Aaaaaaaahr‘ verzichte? Ist schlecht für den Hals.“
Alle Wertiere zuckten mit den Schultern, sofern welche vorhanden waren.
„Sehr gut. Es wird nicht nötig sein, mir ein Holzbein zu ‚kauen‘, was nebenbei eine widerliche Vorstellung ist. Und das sage ich als Pirat. Ich habe einen besseren Vorschlag für euch. Wir lassen euch frei, wenn ihr uns helft.“
„Helfen? Wobei?“
„Vor einigen Wochen haben wir auf einer einsamen Insel einen Schatz vergraben. Einen großen Schatz. Eine ganze Truhe voll. Das ist heutzutage echt selten. Die meisten Leute haben nicht mal eine Truhe. Von einem Schatz ganz zu schweigen. Jedenfalls können wir uns leider nicht mehr erinnern, wo genau wir den Schatz vergraben haben. Unsere einzige Hilfe ist diese Karte.“ McKee holte eine Karte hervor und zeigte sie den Wertieren.
„Was bedeuten die ganzen Kreuze?“, fragte Gertrud die Wergiraffe und streckte ihren langen Hals, bis ihr Kopf ganz nah an der Karte verharrte.
„Das ist das Problem. Ich sage es mal so: Beim Vergraben des Schatzes und beim Zeichnen der Karte war Rum im Spiel. Viel Rum. Ein ganzes Fass. Das ist heutzutage echt selten. Die meisten Leute haben nicht mal ein Fass. Von Rum ganz zu schweigen. Jedenfalls fiel uns irgendwann in der Nacht auf, dass wir uns nicht mehr erinnern konnten, wo wir den Schatz vergraben haben und zeichneten diese Karte, auf der jeder ein X einzeichnete, wo er den Schatz vermutete. Leider haben wir ihn immer noch nicht gefunden.“
„Was hat das mit uns zu tun?“ Leo wollte auf den Punkt und aus dem Käfig kommen.
„Ihr habt einen Wolf. Er kann sicher die Witterung aufnehmen und den Schatz finden.“
„Sind das nicht Hunde?“
„Hunde. Wölfe. Ist doch alles das Selbe. Also, was sagt ihr? Ihr helft uns und wir lassen euch gehen. Deal?“
„Nein.“ Leo klang entschlossen. „Ich habe ein Gegenangebot. Wir wurden aus unserer Stadt vertrieben und wollen uns rächen.“
„Das willst eigentlich nur du, Leo“, mischte sich Bruno der Werbär ein. „Wir wollen nur in Frieden leben.“
„Rache. Frieden. Ist doch alles das Selbe. Also, hör zu. Wir helfen euch, den Schatz zu finden, dafür helft ihr uns, die Stadt zu erobern. Deal.“
„Aaaaaaahr …“, McKee brach sein Lieblingswort für einen kurzen Hustenanfall ab. „Wir hatten lange keinen richtigen Kampf mit einer Stadt mehr. Zuletzt haben wir ein kleines Fischerdorf überfallen, in dem nur ein alter Mann lebte. Das ist viel heutzutage. Die meisten Leute haben keine Stadt. Von einem alten Mann ganz zu schweigen.“ Er stand auf und streckte seine Hand aus, was aber nicht verhinderte, dass er direkt zur Seite des fehlenden Beins umkippte. „Deal“, keuchte er vom Boden seines Decks.

Die Insel sah aus, wie eine gute Schatzinsel auszusehen hat. Lange Strände, dichter Dschungel, ein Berg geformt wie ein Totenkopf, bei dem man sich fragt, was für ein Wetter über Jahrtausende geherrscht haben muss, damit ein Felsen so eine Form annimmt. Captain Half Legs Schiff ankerte nicht weit entfernt von der Insel und schwankte auf den Wellen leicht hin und her. McKee ließ die Käfige aufschließen und die Wertiere sprangen auf das Deck und streckten sich erleichtert.
„Das ist die Mondschein-Insel“, erklärte der Kapitän. „Hier ist immer Vollmond, aber trotzdem ist die Insel ständig in Tageslicht getaucht. Fragt mich nicht warum. Scheint eine Laune der Natur zu sein. Wie sprechende Tiere.“
„Polly will nen Keks. Krah.“
„Äh, ja. Also, wenn ihr auf der Insel seid, lasst den Wolf die Witterung dieser Goldmünze aufnehmen und nach dem Schatz suchen.“
„Kommt ihr nicht mit?“
„Ein Kapitän verlässt niemals sein Schiff. Außerdem haben wir noch keine Möglichkeit gefunden, meinen Stuhl an Land zu schieben.“
Ein Pirat drückte Bruno ein Paddel in die Pfote und die Wertiere paddelten zur Insel.

Auf einem Hügel stand ein haariges Etwas, das sich auf den zweiten Blick als nackter Mann herausstellte. Er blickte auf den Ozean, während er einer Kokosnuss eine Geschichte erzählte. Das Gesicht der Kokosnuss ließ darauf schließen, dass sie die Geschichte eher uninteressant fand. Der Mann brach seine spannungsarme Geschichte ab.
„Nutsie, schau!“ Er zeigte auf den Ozean. „Ein Schiff! Wir sind gerettet!“
Die Begeisterung der Kokosnuss hielt sich in Grenzen, als der Mann sie packte und den Hügel hinunter rannte. Er erreichte den Strand, legte die Kokosnuss in den Sand und begann, mit den Armen wedelnd, auf und ab zu springen. Die Kokosnuss schloss sich ihm nicht an, in seinen Bemühungen, auf sich aufmerksam zu machen.
Das Boot legte am Strand an und Tiere sprangen in den Sand.
„Euch schickt der Himmel!“
„Meinst du er weiß, dass er mit Tieren redet?“, fragte Bruno.
„Gerade hat er mit einer Kokosnuss gesprochen. Ich glaube, für ihn macht das keinen Unterschied“, versuchte Leo eine Erklärung zu finden.
„Seit ihr hier, um mich zu retten?“
„Ich fürchte ich muss dich enttäuschen. Wir sind mit Piraten unterwegs.“
„Primaten? Ist das euer Anführer?“, fragte der Mann mit Blick auf Albert den Weraffen, der auf einer Banane kaute.
„Nicht Primaten. Piraten. Augenklappen, Holzbeine, Hakenhände, Skorbut. Du weißt schon.“
„Leo, der Typ ist doch völlig balla. Lass uns lieber nach dem Schatz suchen.“
„Nutsie, hast du das gehört?“ Der gammelige Gestrandete lief zurück zu der Kokosnuss und hielt sie sich vors Gesicht. „Eine Schatzsuche. Deswegen sind wir gestern in See gestochen.“
„Äh, heißt das, du bist erst seit gestern hier gestrandet?“
„Oh nein, nein, natürlich nicht. Ich bin seit ungefähr zwei Stunden auf dieser Insel.“
„Zwei Stunden? Und du redest schon mit einer Kokosnuss?“
„Kokosnuss? Was für eine Kokosnuss.“
„Die du in der Hand hältst.“
„Ich kenne Nutsie schon seit Jahren. Ich habe ihn auf einer Expedition über die Meere kennen gelernt, an einem schönen Strand. Ähnlich wie dieser hier. Wir haben viele spannende Abenteuer gemeinsam erlebt. Weißt du noch Nutsie, als wir von dem Wal verschluckt wurden.“
„Leo, ich schlage vor, wir sehen zu, dass wir schnell hier weg kommen.“
„Gute Idee.“

„Such, Wulf. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“
Leo wurde ungeduldig. Seit Stunden irrten sie über die Insel, Wulf folgend, der, immer der Nase nach, den Schatz suchte.
„Wie oft soll ich euch noch erklären, das ich kein Spürwolf bin? Ich habe keine Ahnung, wo der Schatz ist.“
„Jetzt streng dich mal etwas an, man. Kann doch nicht so schwer sein.“
„Dann such du doch danach, Bruno. Bären haben sicher ganz hervorragende Spürnasen. Aber lass dich nicht von nem Honigtopf ablenken.“
„Ich mache gleich Honig aus deiner Fresse …“
„Okay, okay, das reicht. Kommt Jungs, wir sind wegen wichtigerem hier. Wulf, riech noch mal an der Münze.“ Leo hielt Wulf die Münze ins Gesicht.
„Schau Nutsie, es sind unsere neuen Freunde. Wo wart ihr die ganze Zeit? Ihr habt viel verpasst. Wir haben am Strand Sandburgen gebaut.“
„Toll. Wenn du uns entschuldigen würdest, wir haben zu tun.“
„Sicher, sicher. Oh, schöne Münze. Genau wie die aus der Schatztruhe, nicht wahr Nutsie?“
„Warte, welche Schatztruhe?“
„Die, die ich am Strand gefunden habe. Stand einfach so rum. Neben einer Schaufel und leeren Rumflaschen. Jemand muss sie vergessen haben.“
„Wo ist die Truhe jetzt?“
„In meinem Baumhaus. War nicht einfach, sie da hoch zu kriegen, aber Nutsie hat geholfen. Nicht wahr Nutsie? Weißt du noch, wie du vom Baumhaus gefallen bist. Die Narbe sieht man immer noch. Seht ihr?“ Der alte Mann hielt dem Wertiertrio die Kokosnuss vor die Schnauzen.
„Ja, ja, böse Verletzung und so. Wo ist dein Baumhaus noch mal genau?“
Der alte Mann zeigte nach oben. „Ihr steht genau darunt … aah …“
„Bruno, ich glaube nicht, dass das nötig war.“

Captain Half Leg McKee sah zu, wie seine Scumbags die Truhe an Deck zogen. Er öffnete die Truhe und überzeugte sich davon, dass der komplette Inhalt vorhanden war. Er grinste zufrieden und ließ sich zur Reling rollen. Er zog sich an der Reling hoch und schaute hinunter zu den Wertieren, die im Ruderboot neben dem Schiff warteten.
„Gute Arbeit. Leider trennen sich hier unsere Wege.“
„Aber du wolltest uns helfen, man.“
„Ja, was das angeht; Aaaaaahr, Pirat. Ihr versteht das sicher. Es wäre schlecht für unsere Reputation, wenn herauskäme, dass wir nicht mal unseren eigenen Schatz wiederfinden können. Weil wir so nette Typen sind, lassen wir euch das Ruderboot, damit ihr zurück zur Insel paddeln könnt. Machts gut.“
Leo grummelte unerfreut.

„Schau Nutsie. Unsere Freunde kommen zurück. Vielleicht haben sie etwas dabei, das gegen meine plötzlichen Kopfschmerzen hilft.“ Der verfilzte Mann winkte mit der Kokosnuss, als das Boot erneut am Strand anlegte und die Tiere in den Sand hüpften.
„Hallo Freunde. Nett, dass ihr zurückgekommen seid.“
„Jetzt sitzen wir mit dem Verrückten hier fest.“ Die Wertiere hatten zu viele Rückschläge erlitten, um ihren Kummer nicht gleichzeitig laut auszusprechen.
„Oh, keine Panik, Freunde. Wir können direkt in See stechen, wenn ihr so weit seid.“
„Was?“
„Ich weiß ja nicht, ob ihr erst noch etwas in der Sonne liegen wollt.“
„Du hast ein Schiff?“
„Natürlich. Was meint ihr, wie ich und Nutsie hergekommen sind.“
„Aber warum hängst du dann hier auf der Insel rum?“
„Alleine kann ich das Schiff nicht segeln. Und Nutsie ist kein guter Steuermann. Ursprünglich hatte ich eine Crew, aber die sprang nach und nach über Bord. Meistens, wenn ich ihnen Nutsie vorgestellt habe. Keine Ahnung, was da los war. Skorbut vielleicht.“

Das Schiff holte auf. Das Piratenschiff war bereits zu sehen. Die Wertiere stellten sich beim Segeln nicht so doof an, wie man annehmen könnte.
„Macht die Kanonen bereit“, befahl Leo und sah zu, wie die Tiere Kanonenkugeln über das Deck rollten, während Kathrin die Werkatze sich in einem Seil verhedderte. Es war immer gut zu wissen, dass Kathrin beschäftigt war, und die anderen nicht bei der Arbeit behinderte.
„Kanonen sind bereit, Leo.“
„Käptn, wir müssen das Schiff drehen, damit wir feuern können.“
„Hast du gehört, Nutsie. Dreh am Rad. Ich muss noch diesen frischen Fisch aufessen.“ Der alte Kapitän biss in einen rohen Fisch und kaute, während die Kokosnuss auf dem Steuerrad balancierte und sich als so nutzlos wie erwartet herausstellte.
„Scheiße, ich übernehme das Steuer.“ Bruno stapfte zum Steuerrad rüber und warf die Kokosnuss über Bord.
„Nutsie, neiiiiiiiiin!“ Der Kapitän sprang auf und spuckte den Rest des Fisches aus, den sich direkt Kathrin unter die Krallen riss. „Mann über Bord! Keine Panik, Nutsie! Ich rette dich.“ Der Kapitän ging über Bord, was Erleichterung bei den Wertieren auslöste.

„Käptn, wir werden angegriffen!“
McKee ließ die Feile fallen, mit der er ein Stuhlbein bearbeitete, und ließ sich an Deck rollen.
„Aaaaahr, wo haben die das Schiff her? Zu den Säbeln!“
Albert der Weraffe schwang sich als erster an Deck des gegnerischen Schiffes und warf mit Bananen, die die Piraten mit ihren Säbeln in der Luft schälten. Die anderen Wertiere hatten Schwierigkeiten, sich an Seilen durch die Luft zu schwingen. Leo kletterte zurück an Deck und spuckte einen Schwall Wasser aus. „Ich übernehme die Kanonen“, grummelte er und wrang seine Mähne aus. Albert gingen die Bananen aus, was ihn dazu zwang auf eine umherhüpfende Verwirrungstaktik umzusteigen, die dazu führte, dass die Piraten auf den Bananenschalen ausrutschten und wie Schildkröten auf dem Rücken an Deck lagen. Leo zündete die Kanone. Die Kugel flog durch die Luft, zersplitterte den Hauptmast. Das Hauptsegel schwirrte hinab und begrub McKees Mannschaft unter sich.
„Aaaaahr …“ McKee ließ seinen Säbel fallen, und biss in eine geschälte Banane.
Leo sprang von Schiff zu Schiff und stellte sich vor McKee.
„Beeindruckend“, kannte der Kapitän an. „Für Landratten seid ihr verdammt gute Piraten. Das Schiff gehört dir.“
McKee reichte Leo seinen verknitterten Hut.
„Was machen wir jetzt, Käptn Leo?“, fragte Bruno der Werbär.
„Ein Leben als Pirat ist vielleicht gar nicht so schlecht.“
„Aaaaahrgh …hust … keuch.“ McKee spuckte ein Stück Banane aus. „Das kann ich bestätigen. Viel Alkohol. Viele Frauen. Alles, was ein Mann, oder Tier, braucht.“
„Klingt gut.“ Leo setzte den verknitterten Hut auf. „Bruno, geh ans Steuerrad. Ich weiß schon, welche Stadt wir als erstes plündern.“

Short Story Collab # 12 – Neuanfang

Der erste Monat des Jahres ist rum und ich bin weiterhin krank. Um genau zu sein, wird es immer schlimmer. Zuletzt gesellte sich noch eine Grippe zu meinen anderen Leiden, wodurch ich die letzte Woche im kompletten Zombiemodus durchs Haus torkelte, oder einfach direkt den ganzen Tag im Bett geblieben bin. Deshalb ist hier momentan recht wenig los. da heute aber der letzte Tag im Januar ist, muss ich zumindest mal schnell die nächste Short Story raushauen, zu der David monatlich aufruft.

Leider war es mir durch besagte Krankheit nicht möglich, der Geschichte etwas Feinschliff zu verpassen, aber lesen könnt ihr es ja trotzdem.

Das Thema Neuanfang bot sich geradezu an, um eine Fortsetzung zur ersten hier veröffentlichten Short Story zu schreiben. Und natürlich driftet das Ganze wieder recht schnell in eine völlig andere Richtung. Aber lest halt selbst:

 

Leos Rachepläne gingen mit dem Schiff im Meer unter. Trotz seiner Ermahnungen, ließ sich Horst der Wer-Holzwurm nicht davon abhalten, sein Unwesen im Holzbug des Schiffs zu treiben und dieses letztlich versehentlich zu versenken. Horst stieg aus dem Meer, spuckte eine Suppe aus Salzwasser und Holzspänen in den Sand und stapfte, ein „Entschuldigung“ murmelnd, an Leo vorbei. Leo ließ den Kopf hängen, als der Hauptmast vor seinen Augen im Ozean versank.
„Willst du etwas Kokosnusssalat?“
Leo drehte sich um und sah Gertruds breites Lächeln. „Er ist ganz frisch“, sagte sie fröhlich.
Er blickte auf die Kokosnusshälfte in ihrer Hand, in der ein Brei aus grünen Blättern, roten Beeren und weißer Milch schwappte. Leo schlug das Frühstück weg und schlurfte davon in den Dschungel.

„Leo scheint schlecht drauf zu sein“, fiel Bruno auf. Er schaute in seine Kokosnusshälfte und verzog das Gesicht. Seit einem Monat hatten sich die Gestaltwandler davon ernährt. Er stellte den Salat weg. „Ich gucke mal, was mit ihm los ist.“
„Meinst du nicht, wir sollten uns langsam mal etwas organisieren?“, fragte Gertrud. „Wir werden wohl etwas länger hier sein. Wulf macht sich auch schon nützlich.“ Sie zeigte zum Werwolf, der ein Loch im Sand grub.
„Was macht er da?“
„Ich schätze, er gräbt ein Fundament, damit wir ein Haus bauen können.“
Wulf rollte eine Kokosnuss in das Loch und grub es zu.
„Oder er legt einen Essensvorrat an.“
„Okay, ruf alle zusammen. Wenn ich mit Leo wieder da bin, beginnen wir mit den Planungen zum Neuanfang auf der Insel.“
Bruno ging in den Dschungel. Seine Fährtensucherfahrungen beschränkten sich bisher darauf, Honiggläser in Küchenschränken aufzuspüren. Dabei hatte er einfach in alle Schränke geguckt, bis er den Honig fand. Leo war in keinem Schrank. Er war im Dickicht verschwunden, das vor Bruno aufragte. Der Werbär schlich durch Büsche und Sträucher. Moskitos summten herum. Es waren normale Moskitos. Bruno mochte keine normalen Tiere. Mit ihnen konnte man nicht verhandeln. Ein Moskito stach ihn und surrte fröhlich davon. „Kackvieh!“ Bruno rieb sich den Arm.
„Du-uh-ah-ah hättest etwas Schnittlau-uh-ah-ah-ch mitnehmen sollen.“ Albert der Weraffe hing mit einem Arm an einem Ast und schaukelte fröhlich hin und her, wie ein haariges Pendel. „Angeblich reagieren Moskitos darau-uh-ah-ah-f sensibel.“
„Danke für den Tipp“, brummte Bruno. „Wenn ich etwas Schnittlauch finde, werde ich so viel mitnehmen, wie ich tragen kann. Autsch.“ Summ. „Verdammte Mistviecher.“
„Da hinten habe ich Schnittlau-uh-ah-ah-ch gesehen. Ich kann dir zeigen wo es ist.“ Der Affe schwang an einer Liane davon. Bruno folgte ihm leise Fluchtiraden murmelnd und seinen anderen Arm reibend.

Bruno kam sich dämlich vor, wie er mit einer Schnittlauchkette um seinen Hals im Urwald stand. Immerhin hielten sich die Moskitos von ihm fern.
„Du-uh-ah-ah hattest Glück“, erklärte Albert und schälte eine Banane. „Ich habe noch nie von einem Dschu-uh-ah-ah-ngel gehört, in dem Schnittlau-uh-ah-ah-ch wächst.“ Er schob sich die Banane komplett zwischen die Backen und schwang davon.
Bruno seufzte. Von Leo fand sich keine Spur. Bruno irrte orientierungslos weiter zwischen den Bäumen umher. Ein lautes Brüllen sprach dafür, dass Leo sich in der Nähe befand. Bruno lief los, so schnell seine vier Pfoten ihn trugen.

Bruno erreichte eine Lichtung. Leo stand auf dem Weg und brüllte einen Vogel an.
„Was machst du da, Leo?“
Leo drehte sich um und sah Bruno an. das heißt, er hätte ihn angeschaut, wenn ihm nicht das Gestrüpp, das er seltsamerweise auf dem Kopf trug, über die Augen gerutscht wäre. Leo schob das Astgebilde hoch. „Ich streite mich mit diesem unhöflichen Vogel.“
„Warum?“
„Weil er mir Respekt zu zollen hat. Ich bin der König des Dschungels.“ Leo zeigte auf seine Stirn. „Siehst du nicht die Krone?“
„König des Dschungels? Man, Leo, du kennst dich im Dschungel doch gar nicht aus. Du bist gerade mal 5 Minuten hier drin.“
„Mir kommt es vor, wie eine Ewigkeit. Und als Löwe kenne ich mich aus Prinzip im Dschungel aus. Und dieser Vogel hat seinem König gefügig zu sein.“
„Was hat er denn getan?“
„Er hat mich beleidigt.“
Bruno ging näher an die Streitenden heran und betrachtete den bunten Vogel, der auf einem Ast saß und absolut kein Interesse an den beiden Gestaltwandlern zu zeigen schien. „Polly will nen Keks“, sagte der Vogel und stocherte mit seinem Schnabel in seinem Gefieder rum. Bruno vermutete, dass er dort seine Kekse verstaut hatte.
„Man, Leo, der Vogel ist doch völlig harmlos. Können wir jetzt zurück gehen? Die anderen werden langsam nervös und wollen Häuser bauen.“
„Ich gehe nicht zurück, Bruno. Ich bin als euer Anführer gescheitert …“
„Genau genommen, warst du nie unser Anführer, Leo.“
„Indirekt schon. Ist ja auch egal. Ich bleibe jedenfalls hier. Im Dschungel. Meinem Revier.“
„Dein Revier. Du weißt doch noch nicht mal genau, wo du dich befindest.“ Bruno sah den Weg zurück, den er gekommen war. „Um genau zu sein, weiß ich es auch nicht. Also vergiss den Vogel und lass uns den Weg zurück suchen.“
„Du kämpfst wie eine Kuh!“ Der bunte Vogel krächzte und flog davon.
„Der verdammte Vogel hat mich eine Kuh genannt.“ Leo brüllte. „Zum zweiten Mal.“ Leo rannte los.
Bruno seufzte und verfolgte ihn.

„Da ist er.“ Leo saß in einem Gebüsch und schielte durch die Blätter.
„Wo?“, fragte Bruno und setzte sich neben ihn.
„Auf der Schulter von dem Typen mit dem Holzbein, der Augenklappe und der Hakenhand.“
„Eigenartige Gestalten sind hier unterwegs. Selbst in der Stadt würde niemand so vor die Tür gehen.“
Leo warf die selbstgebastelte Krone weg. „Vielleicht muss ich die Königsherrschaft doch noch etwas verschieben. Ich habe einen Weg von der Insel gefunden.“
„Was? Wo denn?“
„Das Schiff. Wir werden es stehlen.“
Bruno schob einige Blätter zur Seite und sah das große Schiff, das im Wasser schwappte. Ihn beschlich ein ungutes Gefühl. Erst kürzlich waren sie einer wütenden Menschenhorde entkommen. Jetzt wollte Leo sich mit der nächsten anlegen, die zudem noch weniger nett aussah, als die Stadtbewohner. Oder zumindest verrückter. Bruno kannte sich mit verrückten aus und wusste, wie unberechenbar sie waren. Er war mit einer Horde davon auf der Insel gestrandet.
„Und den Vogel nehmen wir auch mit.“
„Vergiss doch den Scheißvogel, man.“
„Denk doch mal nach, Bruno. Er könnte wertvoll sein.“
„Wertvoll? Wieso das?“
„Wie viele sprechende Vögel kennst du?“
„Nun ja“, Bruno sah zurück in die Richtung, in der er den Strand vermutete, „den einen oder anderen.“
„Du weißt was ich meine“, knurrte Leo. „Er ist kein Wertier. Ein echter sprechender Vogel bringt bestimmt viel Geld. Und mit dem Geld können wir unsere Rache an den Stadtbewohnern finanzieren.“
„Man, Leo, bist du immer noch auf diesem Rachetrip? Vergiss das doch endlich mal.“
„Wir müssen schnell handeln.“ Leo ignorierte Brunos Ratschlag. „Lass uns zurück zum Strand gehen und die anderen holen. Wir müssen zuschlagen, bevor der Vollmond weg ist.“

Am Strand herrschte Chaos, was Bruno nicht überraschte. Auch wenn niemand Leo als Anführer anerkannte, war allen bewusst, dass er die Gruppe zusammenhielt und für Ordnung sorgte. Diese Ordnung war momentan völlig über den Haufen geworfen.
„Kathrin, was ist hier los?“, fragte Leo die Werkatze, die sich als Einzige nicht an den Streitereien beteiligte und stattdessen mit einer Fischgräte spielte.
Sie spuckte die Fischgräte aus. „Hm?“
„Vergiss es.“
Leo sorgte mit einem laut gebrüllten „Ruhe!“ für Ruhe. Er hörte sich die Beschwerden der Gestaltenwandler an, bei denen sich herausstellte, dass man sich nicht einig wurde, wer welches Zimmer im zukünftigen Strandtraumhaus beziehen durfte.
„Ihr habt noch nicht mal ein Haus gebaut“, sagte Leo. „Und wir werden auch keins bauen. Wir bleiben nicht hier.“
Leo erklärte die Sachlage. Alle hörten zu und nickten zustimmend. Alle außer Kathrin, die eine Kokosnuss über den Strand rollte.

Die Männer saßen um ein Lagerfeuer, tranken Rum und sangen schmutzige Lieder über hübsche Mädchen und Männer mit einem, zwei und drei Beinen. Die Wertiere dachten nicht weiter darüber nach, wie ein Mann mit drei Beinen aussehen könnte.
Der Plan war simpel und Idiotensicher. Zumindest hatte Leo das behauptet. Bruno hatte seine Zweifel. es gab verschiedene Abstufungen von Idioten. er wusste auf welchem Idiotengrad die meisten Wertiere wandelten. Alle Wertiere sollten sich an den betrunkenen Männern vorbei zum Schiff schleichen und dort auf Leo und Bruno warten, die mit dem sprechenden Vogel im Gepäck folgen würden. Leo war nicht weiter darauf eingegangen, wie er den Vogel von der Schulter des einäugigen, behakten Hinkenden beschaffen wollte. Diese Information war auch weniger wichtig, denn der Plan scheiterte bereits bei Phase eins, als Wulf der Werwolf, ängstlich zitternd, ein Rumfass umstieß, dessen Inhalt sich über den Strand ergoss, sich einen Weg ins Lagerfeuer schlängelte, und den Strand in helles Licht tauchte. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis alle Wertiere einen Säbel an der Kehle hatten.

Leos Erklärungsversuche blieben erfolglos. Die Wertiere fanden sich in einer ihnen aus der Stadt bekannten Umgebung wieder. In einem Käfig. Auf dem Schiff. Das auf dem Meer trieb.
Die Männer, die sich als Piraten vorgestellt hatten, verrieten, dass sie die sprechenden Tiere – abgesehen vom sprechenden Vogel Polly – in der Stadt verkaufen würden.
Leo grummelte, im Käfig hockend vor sich hin.
„Sieh es positiv, Leo“, versuchte Bruno ihn aufzumuntern. „Immerhin kommen wir zurück in die Stadt.“
„Fresse, Bruno.“