Filmschrott

Schlechte Filme von Mainstream bis Trash. Die Lücke ist kleiner als man denkt.

Nordkoreanischer filmgeschichtlicher Wahnsinn in Monsterform

Wenn bei mir die Technik versagt, ist es hier zwar immer für eine Weile etwas ruhiger, aber dafür komme ich dann mit einem echten Knaller zurück. So auch dieses Mal.
Normalerweise beginne ich ja jeden Post mit einer möglichst beknackten Einleitung, um schon mal auf den Schwachsinn einzustimmen, der anschließend auf euch wartet. Manchmal fällt es mir leicht, mir etwas bescheuertes auszudenken. Manchmal fällt es mir schwer, mal wieder eine möglichst bekloppte Wortwahl zu finden. Und in ganz seltenen Fällen liefert die Filmgeschichte selbst die abstrusesten Geschichten, die keine Einleitung dieser Welt ersetzen könnte.
Der heutige Film ist so ein Beispiel. Deshalb werde ich dieses Mal etwas weiter ausholen und euch die Geschichte hinter diesem Film erzählen, bevor wir uns dann voll ins Abenteuer stürzen. Etwas Filmhistorie des Wahnsinns also erst mal an dieser Stelle:

Ende der 1970er Jahre regierte Kim Il-sung die Republik Nord Korea, wie es ein richtiger Diktator nun mal so tut. Kim Il-sung hatte einen Sohn. Dieser Sohn namens Kim Jong-il war großer Filmfan. Über die Jahre hatte er sich eine riesige Filmsammlung angelegt. Selbst die eigentlich verbotenen Filme aus der westlichen Welt befanden sich als Bootlegs in seiner Sammlung. Eines Tages hatte er eine richtig gute Idee: Im Jahre 1978 entschied Kim Jong-il, dass er unbedingt die nordkoreanische Filmiundustrie ankurbeln musste. Und dazu brauchte er natürlich einen richtig guten Regisseur. Nur ein Mann kam dafür in Frage. Also ließ er kurzerhand seinen Lieblingsregisseur Shin Sang-ok und dessen Frau die Schauspielerin Choi Eun-hee aus Südkorea entführen, damit er mit ihnen zusammen ein paar Monster- und Propagandafilme produzieren kann. Insgesamt entstanden dabei 7 Filme. Die meisten schafften es aber nie aus Nord Korea heraus. Doch der letzte Film der aus dieser unfreiwilligen Kooperation entstand, wurde später auch außerhalb der Grenzen gezeigt. 1986 gelang den Gefangenen die Flucht, als sie zu Werbezwecken für den letzten gemeinsam produzierten Film in Österreich unterwegs waren. Aber sie hinterließen immerhin noch dieses Meisterwerk, dessen Entstehungsgeschichte ein Fest für jeden Filmhistoriker ist. Kim Jong-il ließ nicht nur Leute entführen, er lockte auch noch das damalige Godzilla-Team und den Godzilla-Darsteller unter falschen Tatsachen nach Nord Korea, um für diesen Film die Effekte zu machen.
Klingt vielversprechend. Klingt komplett wahnsinnig. Klingt nach Filmschrott.

PULGASARI – Nord Korea – Japan – 1986 – 95 Min.

Auf das grausame Geklimper im Vorspann wäre jedes Mega Drive Spiel stolz gewesen. Glücklicherweise ist es schnell vorbei und irgendein Typ kommt angerannt, um einen Eimer Wasser von seiner Schwester zu klauen. Die will aber erst mal den alten Leuten im Dorf was zu trinken bringen, weil sich das halt so gehört. Die machen nebenbei nichts anderes, als völlig sinnlos mit einem Hammer auf einen Amboss zu kloppen. Onkel findet ein geheimes Waffenlager im Gebüsch und es stellt sich heraus, dass sein Neffe der Anführer einer Bande ist. Also alles wie damals im Kindergarten hier.
Onkel ist untröstlich, schließlich sollte sein Banditenneffe eigentlich seine Tochter heiraten, um Inzestkinder zu zeugen, die dann mit ihren 5 Augen den Hof besser überwachen können. „Was für eine grausame Welt“, seufzt der Onkel. Recht hat er.

Liu Kang trainiert mit einem Säbel. Ami kommt vorbei und sie hat die Dudelmusik vom Mega Drive dabei. Ami will nicht, dass Liu Kang geht, um alle vor dem Hungertod zu retten, weil sie dann niemanden mehr hat, der sie mal so richtig … na, ihr wisst schon.
Jedenfalls bricht Kang mit einer Gruppe von Neffen auf und der Governor – nicht der aus dieser beschissenen Zombie-Serie – besucht den Onkel. Ich schätze mal, er will ihm einfach nur seinen unglaublich dämlichen Hut zeigen. Mal ehrlich: Nichts gegen die asiatische Kultur und so, aber warum sahen die Hüte von denen immer aus, als würden sie gleich im Kasperletheater auftreten?

Der Governor will, dass Onkel, der der beste Schmied des Landes ist, ihm Waffen schmiedet, damit sie gegen die Banditen kämpfen können. Was für ein lahmarschiges Regiment ist das bitte, dass nicht mal ein paar Banditen eben so umnieten kann? Onkel hat kein Eisen zum schmieden, also werden kurzerhand alle Werkzeuge und Töpfe und Kessel und was die Leute sonst noch so zum überleben brauchen konfisziert. Liu Kang ist weniger begeistert, greift an und lässt sich natürlich gefangen nehmen. Onkel verteilt derweil das Eisen wieder unter dem Volk, denn er ist der nordkoreanische Robin Hood.

Der Obermacker will dann wissen, wo Onkel denn das ganze Eisen gelassen hat. Der sagt, Pulgasari hat es geklaut. Ich sag ja: Kindergarten. Der Governor glaubt den Quatsch natürlich nicht und lässt Onkel mit einem Rohrstock verdreschen und dann mit vorgehaltenen Plastikmistgabeln ins Gefängnis werfen. Da treten Onkel, Liu Kang und alle Neffen in Hungerstreik. Drehbuchauszug: „Eat.“ „I won’t.“ „Eat.“ „I won’t.“ „Eat.“ „I won’t.“ „Eat.“ „I won’t.“ „Eat.“ „I won’t.“ I rest my Kindergartencase.

Ami, die immer noch als einzige hier einen Namen hat, den ich nicht aus Mortal Kombat geliehen habe, schmuggelt Onkel dann irgendeine Pampe zu die er essen soll. Stattdessen matscht er daraus eine kleine Figur und betet zu den Göttern, dass diese Figur die Bauern vor der Tyrannei des Governors rettet. Dann nippelt er ab und die Figur leuchtet schön in seiner toten Hand.

Irgendwie landet die Figur dann wieder bei Ami, die einfach selten dämlich ist und sich beim Nähen so heftig in den Finger sticht, dass der Blutverlust selbst einem Mortal Kombat Veteranen wie Liu Kang zu viel wäre. Das Blut tropft auf die Figur und dadurch erwacht diese zum Leben. Erinnert ihr euch noch an den Scheißedämon aus Dogma, der aus den Exkrementen der Gekreuzigten entstand? So sieht Pulgasari auch aus. Nur nicht mit Kacke beschmiert.

Ami und Ana (das ist ein Junge) finden das Vieh ganz witzig. Auch, als es anfängt, die Nähnadeln zu fressen. Währenddessen soll Liu Kang geköpft werden und es wird allerhöchste Zeit für einen überflüssigen Zeitlupen Effekt des lachenden Henkers mit Säbel. Bevor er den Job erledigen kann kommt aber Pulgasari angesprungen und beißt ein Stück aus dem Säbel. Im allgemeinen Chaos kann Liu Kang fliehen.

Pulgasari hat es sich im Waffenlager des Governors gemütlich gemacht und frisst alles, was auch nur ansatzweise metallisch ist. Dadurch wird er natürlich immer größer.

Ami und Ana laufen durch einen Canyon und suchen Pulgasari. Ihre Rufe hallen als Echo durch die Schlucht. Ana findet eine Spur und ruft seine Schwester … wo ist plötzlich das Echo hin? Pulgasari fängt Fische im Bach. Nebenbei sollten Ana und Ami unbedingt an ihrer Erziehungsmethode arbeiten, denn dem Vieh ist einfach scheißegal was die sagen und es tapert in den Wald von dannen.

Liu Kang bildet offenbar eine Bürgerwehr aus. Ami kommt vorbei und erklärt, dass Tante und der kleine Bruder entführt wurden.Wie viele Brüder, Schwestern, Onkel und Tanten gibt es hier eigentlich? Natürlich müssen die gerettet werden. Also kriegen wir endlich mal hirnlose Säbelkampfaction mit komischen Ping!-Geräuschen zu sehen. Ich dachte schon, das hätten die hier komplett vergessen.

Der Governor wird mal kurz gestürzt und dann kommt der König ins Spiel. Und wenn man dachte, der Hut vom Governor wäre eine modische Katastrophe, sollte man sich das Girlandendesaster von diesem Typen besser gar nicht erst angucken. Der König schickt General Fuan los, damit der in dem Kaff mal aufräumt. Der hat nen genialen Plan: Einfach angreifen und alle platt machen. Das stellt sich aber als etwas schwieriger heraus, als gedacht, denn die Bauern rollen Baumstämme und Styroporfelsen einen Hügel hinunter.

Ami soll entführt werden, aber Pulgasari sind Hörner gewachsen und er schlägt die Entführer in die Flucht. Dann latscht Pulgasari Arm in Arm mit Ami durch die Gegend. Ich sehe da eine große Liebesgeschichte bereits vor mir. Sie gehen zu Liu Kang in seinem Geheimlager im Wald. Die füttern dann in einer Kompilation das Vieh, bis es groß und stark und noch größer und noch stärker und am größten und am stärksten ist.

General Fuan ist geknickt, weil er keine Ahnung hat, wie er Pulgasari aufhalten soll. Ein Berater kommt mal kurz vorbei und erklärt, dass Pulgasari vom Onkel zusammengematscht und von Amis Blut zum Leben erweckt wurde. Deshalb muss Pulgasari ihr gehorchen. Woher zur verfickten Hölle weiß der Typ das alles? Ami wird es ihm nicht erzählt haben. Der Onkel auch nicht. Und mehr Leute wussten nichts davon. Und ich bin mir nicht mal sicher, ob die es überhaupt wissen. Jedenfalls will man Ami mal wieder entführen, damit die dann dem Pulgasari befiehlt, die Bauern zu zermatschen. Ein lückenloser Plan, wenn man mich fragt. Mal abgesehen von der Tatsache, dass man vor nicht gerade mal 2 Minuten erbärmlich daran gescheitert ist Ami zu entführen.

Aber selbstverständlich gelingt die Entführung im zweiten Ansatz und auch das Monster wird in einem riesigen Käfig gefangen und abgefackelt. Moment mal, ich dachte, die wollten das Vieh für ihre Zwecke nutzen … Tja, ich schätze, Pläne ändern sich. Die Bauern sollen niedergemetzelt werden, aber eine Explosion unterbricht dieses Unterfangen und Mega-Superduper-Höllen-Pulgasari kommt zum Vorschein. Noch größer. Noch stärker. Noch behörnter.

Moment mal, der Streifen geht noch ne halbe Stunde! Wollen die jetzt wirklich noch 30 Miuten lang Schlachtfeldgetümmel mit Feuerkatapulten und weglaufenden Idioten und stampfenden Monstern zeigen? Scheinbar ist genau das der Fall. Na dann …

General Fuan entwickelt derweil mal wieder einen meisterhaften Plan und lässt eine Grube von der geschätzten Größe des Grand Canyons ausheben, um Pulgasari darin zu fangen. Das nimmt langsam Wile E. Coyote Ausmaße an. Aber als guter General überlässt er natürlich nichts dem Zufall und holt noch eine Priesterin aus dem Dorf, damit die dann einen Exorzismus durchzieht, um den Geist des Onkels aus Pulgasari zu treiben. Keine Ahnung wozu das gut sein soll. Jedenfalls ziehen die den Zinnober durch und anschließend wird Pulgasari von einem Haufen Felsen begraben. Der General und seine Untertanen lachen dreckig und gehen zum Angriff mit jeder Menge Säbeln, die Ping! machen,über.

Liu Kang und einige der Neffen werden dann gehängt. Man sieht nebenbei ihre Gesichter nicht, was unweigerlich die Frage aufwirft, ob man die Dreharbeiten damals nicht genutzt hat, um ein paar ungeliebte Spießgesellen zu entfernen … aber das ist ja ein völlig absurder Gedanke. Das würden die nie tun …

Ami schleicht sich als Nutte verkleidet – sie sieht aus wie immer – ins Feindeslager, macht die Wachen besoffen und erweckt Pulgasari unter dem Steinhaufen mit ihrem Blut erneut zum Leben.

Etwas Overacting vom König später kommt General Fuan mit seinem absoluten Masterplan um die Ecke. Er will eine Waffe bauen, die sogar Berge abfackeln würde, um damit Pulgasari endlich zu erledigen. Der König lässt diese Waffe bauen und präsentiert „Lion Gun“ und „General Gun“! Also zwei Kanonen, die geformt sind wie ein Löwe und wie der General. Wow! Und das soll jetzt die Überwaffe gegen Pulgasari sein? Die Dinger wischt der doch im Vorbeigehen weg. Nein, viel besser: Er fängt die Kugeln mit dem Maul und spuckt sie zurück auf die königliche Armee.

Pulgasari macht dann endlich den Palast platt, erschlägt den General und auch den König, obwohl der sich gekonnt hinter einem Vorhang versteckt hat. Das böse Regime ist also gestürzt, aber Pulgasari ist verfressener als Obelix und langsam geht den Bauern das Eisen aus. Also betet Ami, dass ihr Retter von der Erde verschwindet, damit die Bauern nicht alle verhungern müssen und ihr Wille geschieht. Pulgasari erstarrt zu Stein und fällt auseinander. UNd alle Bauern lebten glücklich und zufrieden, bis … das nächste Arschloch das Land regierte.

Es ist schon interessant, dass in einem Land, in dem die Regierenden das Wort „Ironie“ nicht mal buchstabieren können, ein Film entsteht, der davon handelt, wie die Unterdrücker des Volkes das kriegen, was sie verdienen. Gut ist der Film natürlich trotzdem ganz und gar nicht. Vor allem ist er Filmschrott in einem völlig neuem Ausmaß. Ich suche dann mal nach einer noch wahnsinnigeren Story …

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9 Antworten zu “Nordkoreanischer filmgeschichtlicher Wahnsinn in Monsterform

  1. Frau Argh Mai 26, 2016 um 12:00 pm

    Ich weiss nicht, was bescheuerter ist – der Film selbst, oder die Geschichte, wie es dazu kam…bin mir aber trotzdem sicher, dass das ein Effekthighlight ist. Und jetzt gehe ich mir nen blöden Hut basteln…vielleicht hört dann mal einer auf mich…

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  2. ҽԃҽʅʝσႦႦҽɾ (@edeljobber) Mai 26, 2016 um 4:52 pm

    Besonders interessant finde ich, dass eine bekannte japanische Firma für die Spezialeffekte verantwortlich war. Wie passt das denn zusammen?

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    • Filmschrott Mai 26, 2016 um 5:07 pm

      Habe das ja kurz in der Einleitung angerissen. Das Godzilla-Team, also der damalige Godzilla Darsteller und die Leute die eben für die Effekte in den Godzilla Filmen verantworlich waren, wurden ebenfalls zur Mitarbeit gezwungen. Die dachten, sie fliegen zu einem Event nach China, aber ihre Maschine landete in Nord Korea und da mussten sie halt den Film machen. Ob sie danach einfach wieder frei gelassen wurden, weiß ich leider nicht. Vielleicht sind sie auch zusammen mit den anderen geflohen.

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  3. Film und Buch Mai 26, 2016 um 4:55 pm

    Wow, von dem Film hab ich bisher noch gar nichts gehört. Ich wusste bisher nur, dass Kim Jong-il anscheinend Bücher über Filmtheorie geschrieben hat, nach denen sich alle Regisseure richten müssen.

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    • Filmschrott Mai 26, 2016 um 5:09 pm

      Der Typ war halt wohl ein richtiger Filmfreak. Würde ihn sogar sympathisch machen, wenn er nicht so ein Arschloch gewesen wäre. Den Film hier gibt es nebenbei komplett auf einer bekannten Videoplattform …

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